Der Unendliche Spass des Übersetzens

Interview

Ulrich Blumenbach ist Übersetzer. Seit 25 Jahren übersetzt er Bücher aus dem amerikanischen und britischen Englisch ins Deutsche: von Stephen Fry bis Agatha Christie, von Jack Kerouac bis David Foster Wallace. Doch es war vor allem seine herausragende Übersetzung von Wallaces «Infinite Jest» (dt. «Unendlicher Spass»), die das Interesse der Öffentlichkeit weckte. Diesen Winter hatten wir die Möglichkeit, innerhalb der Gesprächsreihe «Buchbranche im Dialog» im Literaturhaus mit Ulrich Blumenbach persönlich ein Gespräch zu führen. Lesen Sie hier das Interview:

Was ist dir beim Übersetzen am Wichtigsten?

Das alles auf deutsch wieder so wird, wie es im Original ist: Ein Krimi muss wieder spannend werden, ein komischer Roman wieder komisch, eine Schluchzschwarte wieder rührselig und so weiter.

Wieviel übersetzt du pro Tag?

Das hängt von der Schwierigkeit oder Komplexität der Bücher ab, die ich übersetze. Bei Joshua Cohens «Witz» bin ich sehr froh, wenn ich am Tag vier Seiten Rohübersetzung schaffe (also noch nicht überarbeitet, und schon dann liegt der Tagesumsatz unter 100 Franken); mein Tagesrekord lag bei 25 Seiten, aber das ist viele Jahre her, ich war jung, und der Verlag brauchte das Geld…

Ist der Job einsam?

Ja und nein. Das eigentliche Übersetzen ist Schreibtischarbeit, also ist man allein. (Ich jedenfalls kann nicht in einem Grossraumbüro arbeiten.) Aber es gibt Übersetzerstammtische, Übersetzer-Newsgroups, Seminare, Lesungen & Podiumsdiskussionen, Festivals, Tagungen und Buchmessen. Überall kann man Kolleginnen, Kollegen und Lesende treffen.

Sind Übersetzer und Übersetzerinnen unterrepräsentiert in der Öffentlichkeit?

Ja, aber nicht mehr so wie noch vor zehn, zwanzig Jahren. Wir werden in Büchern und Rezensionen sichtbarer genannt, es gibt – vor allem von der Weltlesebühne – Lesungen & Podiumsdiskussionen, bei denen die Übersetzenden und nicht die Schreibenden im Mittelpunkt sind und Rede und Antwort stehen, und wir können unsere Übersetzungen zunehmend mit Essays, Werkstattberichten, Vor- und Nachworten sowie Glossaren anreichern.

Übersetzt du öfter weibliche oder männliche Autoren? Warum? Hat das Gründe?

Fünf Sechstel der von mir übersetzten Bücher wurden von Männern geschrieben, ein Sechstel von Frauen. Die einzige Erklärung, die ich einigermassen plausibel finde, lautet, dass die Lektorate Autoren eher Übersetzern anbieten und Autorinnen eher Übersetzerinnen. Das soll mir recht sein, aber dass es so sein muss, möchte ich bezweifeln.

Liest du auch privat?

Immer weniger…

Wann liest du am liebsten?

Von morgens bis abends.

Was liest du in der Freizeit?

Alles, was stillhält – aber mit starken Schwerpunkten bei englischer und deutscher Literatur.

Ist englische Literatur gleich Arbeit?

Ja, leider. Weil im Hinterkopf immer die leise Frage mitläuft, wie ich das übersetzen würde.

Im Urlaub: Bücher oder E-Books?

Bücher! Ich habe keinen E-Reader und möchte auch keinen haben. Die Hände lesen mit, und ein schön aufgemachtes Buch mit hochwertigem Papier ist auch ein haptischer Genuss.

Welches Buch hat Dich geprägt? Inwiefern?

Darf ich nur eins nennen? Dann wohl «Finnegans Wake» – weil es unglaublich komisch ist, und weil es mir gezeigt hat, welch ein ideologiekritisches Potential sich in einzelnen Wörtern verbergen kann. Wenn man sich einmal klar gemacht hat, dass sich in «awethorrorty» awe (Ehrfurcht, Furcht), Thor (der mit dem Hammer) und horror verbergen, traut man keiner Autorität mehr über den Weg.

Zuhause sind die Bücher wie sortiert?

a) nach gelesen vs. ungelesen,
b) nach Belletristik vs. Sachbücher,
c) alphabetisch.
Wörterbücher stehen extra.

Bist Du ein Schnellleser?

Ich glaube schon, aber das kommt natürlich auf das Buch an. Manchmal möchte man sich ja jeden Satz auf der Zunge zergehen lassen.

Wie bist Du Übersetzer geworden?

Ich war seit ungefähr meinem 18. Lebensjahr ein mittelfanatischer Joyce-Leser. Nach einem Seminar zu «Finnegans Wake» haben ein paar Teilnehmende eine private Lesegruppe gegründet und das Buch von vorn bis hinten durchgelesen, kommentiert und diskutiert. Nachdem wir fertig waren, hatten ein paar von uns das Gefühl, das Buch noch immer nicht verstanden zu haben, und wir haben uns gesagt, okay, wir übersetzen ein paar Seiten draus.

wie kam es, dass Deine Übersetzung dann veröffentlicht wurde?

Das war 1988, im Juni fuhren Reinhard Markner und ich zu einer Joyce-Tagung, erfuhren, dass Fritz Senn und Klaus Reichert einen Sammelband mit sei’s auch noch so kurzen Übertragungsversuchen aus «Finnegans Wake» für Suhrkamp planten, sind frech, wie nur Studenten frech sein können, zu ihnen gegangen und haben gesagt, «He, wir haben auch ein paar Seiten, wollt ihr die nicht mitabdrucken?» Sie wollten, und drei Jahre später hat Fritz Senn mich dem Haffmans Verlag vorgeschlagen, als der einigermassen händeringend einen Übersetzer für Stephen Frys Roman «The Liar» suchte. Ich hab’s übersetzt, dem Verlag hat’s gefallen, und seitdem war ich – toi, toi, toi – nie wieder arbeitslos.

Lieber Ulrich, danke Dir für den spannenden Einblick in Deine überSetzerische Tätigkeit! 

Die Interviewfragen stellten Lydia Zimmer und Nataša Pavković. 
© Bilder: Ulrich Blumenbach und Romain Vignes (Titelbild)

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