Morgenstern, Nietzsche, Kleist und nun Rudolf Steiner

Interview

Wir lernten uns im ältesten Verlag der Welt kennen, im Basler Schwabe Verlag, wo ich fünf Jahre lang unter seiner Leitung in der Marketingabteilung gearbeitet habe: Dr. David Marc Hoffmann wurde 1959 geboren, er studierte Germanistik, Geschichte und Museologie in Basel und Paris. Seine Lizenziatsarbeit schrieb er über Christian Morgenstern, danach promovierte er über die Geschichte des Nietzsche-Archivs in Weimar.Nach langen Jahren im Schwabe Verlag Basel als Lektor und Verlagsleiter ist er nun seit 2012 Leiter des Rudolf Steiner Archivs in Dornach und der Rudolf Steiner Gesamtausgabe. Zudem ist er Mitglied der Stiftung Nietzsche-Haus in Sils Maria und – als Präsident – der Allgemeinen Lesegesellschaft Basel. Und heute steht er uns – freimütig und mit Charme – Rede und Antwort.

wie bist du zu deinem Beruf gekommen?

Eigentlich gegen meine Veranlagung. Ich habe in meiner Kindheit und Jugend nicht gelesen – nur Tim und Struppi und Asterix, und dort vor allem die Bilder – sondern viel gebastelt und experimentiert  – Ich wollte Erfinder werden und hatte Daniel Düsentrieb zum Vorbild – und Streiche gespielt.

Durch verschiedene Fügungen bin ich dann beim Studium der Germanistik und Geschichte gelandet. Erst dort habe ich Bücher lesen und lieben gelernt. Nach dem Studium bin ich in den Lektorats- und Verlagsberuf gekommen und wurde immer mehr ein Bücherwurm. Eigentlich ist das erste Bild in Sebastian Brants Narrenschiff für mich wie ein Spiegel: «Den vordantz hat man mir gelan, dann ich ohn nutz viel bücher han, die ich nit lyss und nit verstan.» Die Welt des Buches ist eine Welt ohne Grenzen.

Nach 16 Jahren Verlagstätigkeit bin ich einem Ruf als Leiter des Rudolf Steiner Archivs gefolgt und habe so gleichsam die Seite gewechselt. Vorher habe ich Bücher von Autorinnen und Autoren produziert und verlegt, und jetzt stehe ich als Vertreter und Herausgeber eines gestorbenen Autors selbst auf der Autorenseite.

Was ist das Tollste an deinem Arbeitsalltag?

Dass ich mit Dokumenten wie Manuskripten, Briefen, Notizbüchern und Randbemerkungen  eines genialen Menschen zu tun habe und sie im Rahmen des Pubklikationsauftrags in der Rudolf Steiner Gesamtausgabe angemessen erschliessen und edieren soll und kann.

Wann begeistert dich ein Buch? was sind die ausschlaggebenden Aspekte?

Wer hat gesagt, «es gibt keine gute oder schlechte Literatur, nur spannende oder langweilige»? Dem kann ich durch alle literarischen Gattungen beipflichten. Es geht darum, dass mich ein Text fesselt – egal ob Lyrik, Erzählung, Roman oder Sachbuch. Der Plot muss plausibel sein, die Sprache aufrichtig, aber nicht billig zusammengeschustert oder gar durchsichtig.

Bei meinem Besuch der Biennale habe ich kürzlich den Tod in Venedig von Thomas Mann gelesen, eigentlich ganz gegen den Strich. Der Stil ist sehr selbstverliebt; Thomas Mann beschreibt seine Hauptfigur Aschenbach als grossen und weltweit bewunderten Virtuosen der Sprache. In jeder Zeile habe ich gespürt: Er meint eigentlich sich selbst.

Ein anderes Negativbeispiel ist das Sachbuch von Florian Illies über das Jahr 1913, das Jahr vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Die ganze Anlage des Buches ist so billig: Der Autor hat einfach die Tagebücher und Briefeditionen von bedeutenden Autoren aus diesem Jahr durchforstet und dann zusammengekleistert.

Oder der Weltbestseller von Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit. Hier schreibt ein notorischer Besserwisser und Provokateur zynisch über alle Werte, die der Menschheit etwas bedeuten. Dazu ist die Übersetzung rätselhaft: Ganze deutsche Passagen kommen in der englischen Originalausgabe nicht vor!

Welches Buch hat dich geprägt?

Viele. Aber spontan fällt mir ein: Heinrich von Kleists Michael Kohlhaas, die Geschichte über einen «der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit». Die Dramatik und die Sprache dieses Textes sind in der Literatur einzigartig . Und Christian Morgensterns schmaler Band Wir fanden einen Pfad (1914) mit seinen tief in die Seele greifenden meditativen Gedichten.

Wer ist die letzte Autorin Oder der letzte Autor den du für dich entdeckt hast?

Hannah Arendt kenne ich zwar schon lange, aber in ihrem Buch Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft habe ich sie wieder neu entdeckt – scharfsinnig untersucht sie Rassismus, Imperialismus und totale Herrschaft.

Bevorzugst du dicke oder dünne Bücher?
Was ist die ideale Buchlänge?

Der Umfang ist eigentlich kein Kriterium. Da ich ein Langsamleser bin – ich lese bisweilen Sätze zweimal, aus Genuss oder um sie besser zu verstehen und einzuordnen – schrecken mich dicke Bücher eher ab. Um sie zu bewältigen, suche ich Partner: So habe ich Krieg und Frieden, Die Brüder Karamasow und Herr der Ringe zeitgleich mit einem Freund gelesen und mich regelmässig mit ihm ausgetauscht. Und das genannte Buch von Hannah Arendt mit 1.024 Seiten lese ich parallel mit der Patentochter meiner Frau! Das ist höchst anregend. Arendts Buch, ein Taschenbuch, habe ich übrigens in drei Teile zerschnitten und jeweils mit einem neuen Umschlag versehen. So lässt sich der Klotz in kleineren Portionen mitnehmen und auch im Tram oder Zug lesen.
Die ideale Buchlänge hat z. B. Bernhard Schlinks Der Vorleser; seine 200 Seiten haben es mir ermöglicht, dieses Buch um des Sprachgenusses willen schon mehrfach wieder zu lesen.

Wo und wann liest du am liebsten?

Eigentlich überall, sofern ich Ruhe habe und einen Bleistift in der Hand. Auch bei Romanen oder Lyrik schreibe ich mir Notizen an den Rand, zu Personen und Situationen oder zur Sprache.

Was ist das Besondere am Rudolf Steiner Archiv?

Wir haben Rudolf Steiners nachgelassene Bibliothek mit 9.000 Bänden, mit Widmungen, Anstreichungen, Kommentaren, ausserdem seinen gesamten handschriftlichen Nachlass und viele Dokumente zu seinem Wirken, Programme zu seinen Vortragsreisen, Briefe von und an ihn, Erinnerungen Dritter. Wir sind hier unglaublich «nah dran», das macht zugleich wunderfitzig und demütig.

Was wünscht du dir für die Zukunft des Archivs?

Viele Benutzer! Vor meiner Zeit als Archivleiter war das Archiv ziemlich abgeschlossen, es gab keinen Lesesaal für die öffentliche Benutzung. Das habe ich geändert, weil die Archivalien nicht für uns Mitarbeitende, sondern für alle Interessierten zur Verfügung stehen sollen.

Lieber DAvid, wir danken Dir für das spannende und persönliche Interview!

Die Interviewfragen stellte Lydia Zimmer. 
© Photos:  Ivana Suppan. Alle Rechte vorbehalten.

Ein Gedanke zu „Morgenstern, Nietzsche, Kleist und nun Rudolf Steiner

  1. Heike Ossenkop sagt:

    Wie schön, dass jemand Heinrich von Kleist liest. Es heisst bei dem ja immer, ihm wären die Gedanken beim Reden gekommen. Wäre dabei den Kohlhaas im Co-Reading mal in Angriff zu nehmen. Wer macht mit?

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