Hier verbinden sich Welten: Basler Afrika Bibliographien

Interview

Wir teilen u. a. die Liebe zur afrikanischen Literatur und Kultur: Christian Vandersee lernte ich vor Jahren kennen. Ob es im Rahmen eines Volkshochschulkurses für afrikanische Literatur war, mit dem ich eine Ausstellung in den Basler Afrika Bibliographien (BAB) besuchte, oder wegen des Buchclubs Die Welt lesen, für den wir immer wieder kooperieren, da bin ich mir jetzt gar nicht mehr so sicher. Ich bin Fan: Es gibt an Christians Arbeitsort immer Spannendes zu entdecken!

Wie bist du Leiter der Basler Afrika Bibliographien geworden?

Zu den BAB bin ich aufgrund meiner Faszination für Geschichten und unerwarteten Verknüpfungen gekommen. Hier verbinden sich Welten, die nicht unmittelbar zusammen gedacht werden: Schweiz und Namibia; Neutralität und Kolonialismus; Glanz und Elend der deutschen Sprache; Archivwesen – Veranstaltungsprogramm – wissenschaftlicher Verlag.
Und für mich persönlich besteht auch der Reiz darin, das Geistige und Kulturelle mit den Aufgaben des Managements zu verbinden. Berührungen mit afrikanischen Ländern durch eine Orchestertournee halfen mir dabei ebenso wie meine Zuständigkeit für die Aussenbeziehungen des Kirchenbundes (SEK) zu Afrika und anderen Regionen in meiner vorherigen Position.

Wo Liegen deine beruflichen Wurzeln?

Ich bin ursprünglich ausgebildeter Theologe und Musiker. Was verbindet die Theologie und die Musik mit der Literatur? In der Theologie wie auch in der Musik habe ich früh eine Sensorik für die Gleichzeitigkeit von Vertrautem und Fremdem, Traditionen und Neuerfindungen entwickelt. Zum einen erlebte ich an mir selbst, wie herausfordernd die gegenseitige Inspiration der biblischen Geschichten einerseits und der zeitgenössischen Sinnfragen eines urbanen Hochgeschwindigkeitslebens andererseits war. Fremde Kulturen, andere Zeiten, aber ähnliche Fragen…

Zum anderen faszinierte mich die Leichtigkeit, mit der diese Fremde in der Musik überwunden werden konnte: Ein Orchesterspiel ist wie ein Molekül bekennender Integration. Ohne den Willen zur Gemeinsamkeit entsteht kein homogener Klang. Mit der musikalischen Sprache, egal welchen Musikstils, werden Mehrsprachigkeit und Ursprungsvielfalt der beteiligten Menschen nicht nur nebensächlich, sondern oft bereichernd.

Zurück zu den Basler AFrika Bibliographien: Was ist das Besondere an dieser Institution?

Die BAB sind eine zunächst unscheinbare Einrichtung: Wer sie nicht sucht, stolpert nicht über sie, und im kantonalen Veranstaltungsprogramm tauchen wir selten unter den Top Ten auf. Aber hin und wieder tun wir es! Gelegentlich sind unsere Vortragsreihen, unsere Ausstellungen, unsere Buchvernissagen oder unser Filmfestival Magnete für ein breiteres Publikum.

Das hängt damit zusammen, dass unsere Arbeit in einem grösseren Zusammenhang steht: Der Gründer des Hauses, Carl Schlettwein, sah in der Stärkung der Afrikastudien in Basel eine dringende Notwendigkeit. So förderte er diese nicht nur mit der kontinuierlichen Entwicklung der BAB, sondern auch mit der jahrelangen Finanzierung einer Professur für Afrikanische Geschichte, mit mehreren Assistenzstellen, mit der Unterstützung eines Anglistik-Lehrstuhls für afrikanische Literatur, mit dem Support des Zentrums für Afrikastudien und schliesslich mit der halbjährlichen Vergabe von Wissenschaftsstipendien der Carl Schlettwein Stiftung an Studierende aus dem südlichen Afrika, vornehmlich aus Namibia.

Was ist das Tollste an deinem Arbeitsalltag?

Die BAB sind in vieler Hinsicht etwas Besonderes: Wir sind ein Dokumentationszentrum in privater Hand, ein Namibiahaus im Herzen von Basel. Unser Team von akademisch geschulten Experten kuratiert neben der Archiv-, Bibliotheks- und Verlagsarbeit gern Ausstellungen. Und es veranstaltet Filmanlässe und organisiert Buchvernissagen.
Und das Spannendste ist: Bei all dem haben wir regelmässig afrikanische Gäste bei uns. Südafrikanische Historikerinnen stellen ihre Forschungsprojekte vor. Sambische Filmemacher erzählen von den Herausforderungen ihrer Arbeit. Oder namibische Künstlerinnen erarbeiten mit kolonialen Fotos neue Kunstprojekte.

Wo und wann liest du am liebsten?

Lesen – wie übrigens auch Schreiben – bedeutet für mich, unterwegs zu sein. Deshalb – und weil ich schlicht sonst zu wenig Zeit dazu habe – tue ich dies am liebsten auf Reisen, im Zug zum Beispiel,  aber auch in Cafés.

Du liest nicht nur afrikanische Autorinnen und Autoren. Wen Hast Du gerade neu für dich entdeckt?

Die letzte Autorin, die ich für mich entdeckt habe, ist Marina Keegan. Das von ihrer Professorin herausgegebene Buch Das Gegenteil von Einsamkeit ist eine Sammlung brillanter kleiner Texte und eine berührende Inspiration zum Blick auf die Dinge. Zugleich ist es ein beeindruckendes Vermächtnis. Keegan starb mit 22 Jahren kurz nach ihrem Studienabschluss bei einem Autounfall.

Welches Buch hat dich schon früh geprägt?

Es gibt zwei sehr unterschiedliche Bücher, die mich nachhaltig geprägt haben. Das eine habe ich im Alter von 14 Jahren gelesen: Der Erwählte von Thomas Mann war für mich die Initialzündung zur Lektüre der deutschen Literatur. Dieses Buch weckte sowohl Begeisterung als auch Verständnis für den Reichtum meiner Herkunftssprache und bald auch für ihr Machtpotenzial.

Das andere Buch war während meines Studiums die Entdeckung einer tiefen Freundschaft, die sich damals noch in Briefen ausdrückte, in denen sich philosophische Fragen mit sehr konkreten Realitätsproblemen abwechselten: Walter Benjamin, Gershom Sholem. Briefwechsel (hg. v. Gershom Sholem) dokumentiert diese Beziehung zwischen Akademie und Flucht. Und immer wieder begleiten mich Gedanken aus diesen Briefen bei meinen heutigen beruflichen und persönlichen Erfahrungen.

Zur Person

Christian Vandersee ist verantwortlich für die operative Leitung und Geschäftsführung der Basler Afrika Bibliographien. Die BAB sind ein Dokumentations- und Kompetenzzentrum zu Namibia und zum südlichen Afrika. Lydia Zimmer dankt ihm herzlich für das Interview!

Hinweis

Im November 2019 kooperiert Literaturecho im Rahmen des Buchclubs Die Welt lesen mit BAB und stellt die Literatur Namibias in den Fokus. Auf Die Welt lesen finden Sie weitere Informationen zur Veranstaltung sowie den nächsten Ländern und Büchern.

© Fotos: Sonja Maria Schobinger für Basler Afrika Bibliographien.

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