Eymard Toledo

Wie eine Illustratorin gestaltet

Eymard Toledo illustriert und schreibt Kinderbücher, besondere Kinderbücher. Sie erzählt mit Leichtigkeit, Witz und Phantasie Geschichten, die zum Nachdenken (und Schmunzeln) anregen. Ich kenne Eymard Toledo seit mehreren Jahren. Ihre Bücher werden vom Basler Verlag Baobab Books verlegt. Unser Austausch begann als ich, damals bei Baobab Books angestellt, eine Lesereise für sie in der Schweiz organisieren durfte. 
Ich lade Sie ein: Lesen Sie das Interview und erfahren Sie mehr über Eymard Toledo und den Beruf der Illustratorin.

Hinweis: Das Interview fand schriftlich im April 2017 statt. Der Ton und Stil von Eymard Toledo ist und bleibt im Original. Mir ist es wichtig, mit diesem Beitrag der Berufsgruppe der Illustratorinnen und Illustratoren ein Gesicht zu geben,  stellvertretend für alle unsichtbarten Menschen, die sich mit Passion für die Illustration engagieren.

Eymard, wie entsteht ein Bilderbuch? Erst das Bild, dann der Text?

Bei mir Lydia, entstehen zuerst die Bilder. Ich bin ein Mensch, der in Bildern denkt. Als erstes kommt bei mir ein „Input-Bild“, häufig nachdem ich z.B.: etwas in einer Zeitung. gelesenen habe. Ich visualisiere eine Situation, mache mir Skizzen, collagiere sie und dann fängt nach ungefähr drei, vier Bildern, eine Geschichte an zu entstehen. Die ersten Bilder, die entstehen, erzählen mir eine Geschichte, nicht anders rum.

Du kommst aus Brasilien und lebst seit Jahren in Deutschland. Welche Unterschiede, welche Vorteile und welche Gemeinsamkeiten gibt es im Beruf der Illustratoren in beiden Ländern?

Als ich nach Deutschland kam und erzählt habe, dass ich in Brasilien Kunst studiert habe, viele Leute sagten zu mir: „wie toll…!“ Ich war komplett überrascht. In Brasilien Künstler (Artista) zu sein ist überhaupt nichts besonders. Die künstlerischen Berufe dort haben leider einen sehr schlechten Ruf. Erstens, weil Brasilianer häufig Künstler sind. Viele malen oder Illustrieren oder machen irgendeine Bastelarbeit, um sich übers Wasser zu halten. Zweites, weil man in Brasilien mit fast allen künstlerischen Berufen kaum Geld verdienen kann. Der letzte Wunsch der Eltern ist, dass ihr Kind Künstler wird.

Bei den Illustratoren, was mir einfällt ist, dass sie in Brasilien freier sind. Es verlangt keiner von dir, dass Du deinen „Stil“ hast. Du machst heute so und wenn Du Lust hast machst Du Morgen anders. Die meisten Verlage haben auch nicht so eine strenge Linie, wie hier in Deutschland oder in der Schweiz. Die nehmen die Illustratoren, die ihnen gefallen und Punkt. Ich habe vier Jahren gebraucht, um einen Verlag zu finden. Viele Deutsche Verlage haben zu mir gesagt: „es tut uns leid, Deine Arbeit ist sehr schön aber dein Still passt leider nicht in die Linie unseres Verlags…“. Dass ich so lang gebraucht habe einen Verlag zu finden war sehr schade und ich glaube viele Illustratoren hier finden aus dem Grund nie einen Verlag. Anderseits, sind die Brasilianischen Verlag manchmal ein große Mischmasch von Stil…

Cover Baobab Books

Mein Buch Onkel Flores ist in der Schweiz und in Brasilien verlegt worden. Und ich kann von dieser Erfahrung ein bisschen berichten: in Brasilien, wenn ein Buch auf der Markt kommt, gibt es eine große Party, mit was zu trinken und Kleinigkeiten zum essen, alle werden eingeladen, wie bei einer Vernissage. Das heißt auf brasilianisch „Lançamento“. Aber nach diesem ersten Event, das war es, eigentlich. Die Zusammenarbeit Verlag/Autor ist dann getan. Das Buch ist auf dem Markt und es zu vermarkten und verkaufen ist eine Verlagssache, mit dem der Autor nichts zu tun hat. Ich kenne dieses Problem auch von anderen brasilianischen Autoren. In der Schweiz und in Deutschland fängt die Arbeit des Autors erst an, wenn das Buch auf dem Markt kommt. Dann machen wir Lesungen überall, in Schulen, Bibliotheken, Literatur Festival usw… Das Model „Lesung“ ist in Brasilien leider nicht so verbreitet wie hier. Wenn Du nicht ein Paulo Coelho bist, wirst Du nur mit viel Glück eingeladen oder gefragt über dein Buch zu sprechen.

Themen deiner Bücher sind brasilianische Alltagsgeschichten mit einem besonderen sozialem Hintergrund.
Warum ist das bebilderte Kinderbuch das ideale „Transportmittel“?

Ich erzähle über Brasilianische Alltagsgeschichte mit sozialen Hintergründen, weil ich diese Gesellschaft und ihre Problem sehr gut kenne. Aber meine Geschichten sind sehr „Internationale“, die könnten genauso gleich in China, Indien, Peru, Bolivia, Vietnam… passiert haben. In die Globalisierte Welt, in der wir leben, sind vielen Problemen, wie z.B.: Konsumwahn, Migrationswellen, Umweltzerstörungen, usw, in sehr verschiedenen Ecken der Welt, sehr ähnliche. Ich finde es dringend notwendig, Geschichten zu schaffen, die den Kindern und Heranwachsenden helfen können, eine Parallele zwischen ihrem Leben und dem von Menschen, die ganz woanders, in einer „exotischen und fremden“ Welt leben. Ich finde Kinderbücher tatsächlich das idealer Transportmittel, Kinderbücher haben die Kraft alle Generationen zu erreichen und (theoretisch) dahin zu kommen, wo nicht einmal Internet kommen kann. Unglaublich. Wenn ich überlege, wo überall Bené, mein erstes Buch, schon angeschaut worden ist, bin ich platt. Sogar Mitte im Amazonasgebiet hat eine Lehrerin ihn hingebracht.

Deine Zielgruppe sind Kinder. Oder nicht?

Meine Bücher sind nicht nur für Kinder, sondern auch für Heranwachsende und auch für Erwachsenen gedacht und gemacht. Viele Leute denken, dass Bilderbücher nur für kleine Kinder sind aber das stimmt nicht, die Bilder ergänzen die Geschichte und zeigen machmal Sachen, die die Worte nicht zeigen können. Ich erzähle viel mehr mit Bildern als mit Worten. 

Sprache und Bilder gehen bei Kinderbüchern Hand in Hand. Was waren überraschende Erfahrungen bei der Entstehung von deinem ersten Buch?

Das größte Überraschung war es, dass ich überhaupt schreiben kann. Als ich nach einen Verlag gesucht habe, habe ich mich als Illustratorin beworben. Ich nahm außer eine vagen Idee für einen Buch und drei Illustrationen gar nichts anders mit. Eigentlich, dachte ich: mit meinen Illustrationen und die paar Ideen wird mir Baobab Verlag schon einen Autor vorstellen, der die Geschichte schreibt. Aber das war nicht so, Sonja Matheson von Baobab Books sagte zu mir: „schreib Du die Geschichte selber, du kannst das“. Ich habe dann ganz schüchtern angefangen und es hat geklappt. Ich bin Ihr schon sehr dankbar für Ihr Vertrauen und sehr stolz auf mich. Ich habe nie gedacht, dass ich das kann. In meine Schulzeit habe ich viele Probleme mit Schreiben gehabt.

Überraschung habe ich auch gehabt als ich mein Buch das erstmal in der Hand gehabt habe. Meine Bilder sind in Original natürlich viel schöner, sie haben mehr tiefer, weil sie fast drei dimensional sind (wie mein Sohn schon sagt) aber mit der guten Druckarbeit die gemacht würde, hat man auch dieses Gefühl vom Tiefe.

Cover Bene

Du arbeitest in Collagen. Bitte beschreibe deinen Prozess und die Materialien, die du verwendest. Wo findest du diese?

 Ich arbeite mit Collagen und benutze meistens Papier, das im Papierkorb landen würde, z.B.: alten Verpackungskarton, altes Brotpapier, Kartoffelnetz, alte Medikamenten Hüllen usw… Die wertvollen Papiere, die ich habe, habe ich von Freunden als Geschenk bekommen. Zuerst mache ich eine kleine Skizze, wie ich mir die Illustration vorstelle und manchmal pause ich die Zeichnung ab. Diese Abpause Technik habe ich von meinem Sohn als er in Kindergarten war gelernt. Ich arbeite meistens entweder ganz spät Abend oder Ganz früh Morgens. Ich brauche ruhe und keine Kinder, die rufen: „Mama, wo ist meine blaue Socke?!!!!“ „Mama holst Du mich heute von der Musikschule ab?“ Wenn ich Arbeite bleibt um mich herum ein Berg von Schnipsel auf dem Boden, in alle Farbe. Die Papiere entwickeln bei mir ein „Eigenleben“. Manchmal finde ich zwischen diesen ganzen Schnipseln auf dem Boden ein fast fertiges Bild. Das ist magisch, fast unheimlich.

Viele Leute sind von meinen Illustrationen beeindruckt, weil sie so aufwendig gemacht sind. Sie fragen mich: „wie lange brauchst Du für ein Bild?“ Manche schütteln sogar den Kopf, wenn ich sage, dass ich so 5 bis 8 Stunden für eine Bild brauche. Vielleicht denke sie sich: „Oh God, damit beschäftigt sie sich den ganzen Tag?“ Für mich sind meine Technik und die Zeit, die ich für meine Bilder verwende, unwichtig. Das ist für mich Meditation. Eigentlich weder die Technik noch der Zeitaufwand sagen nichts über die Qualität eines Bildes aus.

Illustratorin

Was sind die Besonderheiten, die es zu beachten gibt, bei der Gestaltung eines Covers?

Nach meiner Erfahrung, auch als Leser, glaube ich, dass das wichtigste ist, dass das Cover so viele Botschaften rüberbringt, wie es Möglich ist. Damit der Leser es weißt, wie er das Buch in sein „Regal im Kopf“ sortieren sollte. Das Cover sollte die Stimmung im Buch vermitteln können. Mit einem Cover kann man den Leser aber auch überraschen. Dieser Art von Überraschung ist eine hohe Kunst, die man aber ein bisschen vorsichtig anwenden sollte. Wenn es schief geht, kann das den Leser sehr ärgern und es wäre kein guter Start für einen Autor.

Hast du selbst einen (anderen) Lieblingsillustrator/-in, ein Vorbild?

Oh ja, mein größter Vorbild ist der deutsche Künstler Thomas Demand. Dann gibt es viele Illustratoren, die ich sehr bewundere aber keinen so viel, wie Christoph Niemann. Er hat einen tollen Humor und verwendet allen Möglichen Techniken, die er super beherrscht.

Liebe Eymard, ich danke für das Interview und deine Antworten.

 

Eymard Toledo

Eymard Toledo wurde in Belo Horizonte, der viertgrössten Stadt Brasiliens, geboren. Sie studierte Kunst in Brasilien. Ohne gute Berufsausssichten ist sie mit Mitte Zwanzig durch Europa gereist. In Berlin hat sie sich zu einem Studium in Produktdesign an der Hochschule der Künste entschlossen. Heute arbeitet Eymard Toldeo selbstständig als Grafikerin, Autorin und Illustratorin in Mainz, Deutschland. Einmal im Jahr fährt sie gemeinsam mit ihrer Familie, ihrem Mann und den beiden Söhnen, nach Brasilien.
Mehr über ihre Bücher lesen Sie bei Baobab Books. Ihr erstes Buch wurde von der Stiftung Buchkunst als eines der schönsten deutschen Bücher sowie von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur als Buch des Monats ausgezeichnet.

Bilder: © Eymard Toledo, privat. Die Cover: © Baobab Books.

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