Verlagsgruender S. Guggolz

Vom Mut, heutzutage einen Verlag zu gründen

Der Guggolz Verlag wurde 2014 in Berlin gegründet. Die Verlagsvorstellung auf der Verlagswebsite ist es Wert, einen genauen Blick auf das Programm zu werfen. Als ich vor einigen Wochen einen Artikel über Sebastian Guggolz las, wurde ich sogleich zum Fan. Zumal das Programm, Klassiker aus verschiedenen nordischen und osteuropäischen Ländern zu veröffentlichen, sehr viel gemeinsam hat mit dem Buchclub „Die Welt lesen“.

Die Flut an neuen Veröffentlichungen führt dazu, dass die Halbwertszeit der Bücher immer kürzer wird. Die Neuerscheinungen, die sich nicht innerhalb weniger Monate durchsetzen, werden kurzerhand wieder aus den Regalen geräumt, sie verschwinden aus den Buchläden und werden dadurch dem Vergessen preisgegeben.
Was sagt das über die Qualität dieser Bücher?
Nichts. Und aus diesem Grund will sich der Guggolz Verlag genau diesen Büchern und Autoren widmen und sie angemessen präsentieren.

© Martin Walz

Ausgezeichneter Verleger Sebastian Guggolz (© Martin Walz)

Warum sind Sie 2014 Verleger geworden? War das Ihr Plan?

Nachdem ich zuvor einige Jahre für einen anderen Verlag als Lektor gearbeitet hatte (für Matthes & Seitz Berlin), hatte ich das Gefühl, dass es nun an der Zeit sei, endlich alles so zu machen, wie ich es immer schon für richtiger gehalten hatte. Ausserdem war ich gerade Anfang 30, also noch jung genug, dass ich auch bei einem Scheitern noch nicht zu alt gewesen wäre, und aber auch gleichzeitig alt genug, einigermassen zu wissen, was mich erwarten würde und vor allem wie viel Arbeit. Ein richtiger Plan war es nie vorher gewesen, aber im Hinterkopf hatte der Wunsch, einmal einen eigenen Verlag zu haben, doch immer schon gearbeitet, da bin ich mir sicher.

Welche Nische besetzen Sie?

Ich verlege ausschliesslich Neu- und Wiederentdeckungen vergessener Klassiker aus Nord- und Osteuropa in neuer Übersetzung. Das ist eine Nische, aber eine sehr schöne. Wie ich überhaupt ein großer Anhänger der Nische bin, weil in der Nische das Besondere besonders gut gedeihen kann. Dort fühle ich mich sehr wohl. Ich will diese Nische also eigentlich gar nicht verlassen, weil man in der Nische auch so angenehm wenig Konkurrenzkampf eingehen muss, sondern ganz für sich wachsen und sich entwickeln kann.

Wie sieht der Alltag bei Ihnen im Büro aus?
Welche Arbeit (-sschritte/-bereiche) lieben Sie, welche nicht?

Eigentlich liebe ich fast alles an meiner Arbeit, ausser dem, was ich fürs Finanzamt und die Steuererklärung erledigen muss. Also Abrechnungen und Verträge. Im Kern steht für mich aber eindeutig die Arbeit am Text, also das klassische Lektorat und die Arbeit mit den Übersetzern. Und besonders schön sind auch alle Arbeiten, die mit der Gestaltung zu tun haben. Da habe ich nämlich einen Gestalter, Mirko Merkel, mit dem ich immer zusammenarbeite, und aus seinen hervorragenden Vorschlägen für Cover die schönsten auszusuchen, an denen wir dann weiterarbeiten, das macht mir auch sehr viel Freude. Ausserdem gehe ich mindestens einmal am Tag aus dem Büro raus und einen Kaffee trinken – dabei kommen mir oft die besten Einfälle oder ich finde plötzlich einen neuen Zugang zu einem Problem, das sich dadurch löst. Das gehört mittlerweile fest zu meinem Arbeitsalltag.

Wann begeistert Sie ein Text?
Wie treffen Sie die (für Sie richtige) Auswahl?

Das ist natürlich zu einem grossen Teil immer auch subjektiv. Es lässt sich aber eindeutig feststellen, dass ich das bürgerliche Milieu in meinen Büchern sehr nachgeordnet behandle. Meist sind es bäuerliche, ländliche Geschichten, Bücher über Außenseiter, Verlierer, Zu-kurz-Gekommene, die mich besonders berühren und begeistern. Noch dazu müssen sie natürlich besonders und herausragend geschrieben sein. Ich interessiere mich eigentlich grundsätzlich fürs Abwegige und Abseitige. Die Auswahl treffe ich nach Geschmack und Begeisterung – und aus der Überzeugung heraus, dass sich ausreichend viele Leser und Buchkäufer wohl auch für das Thema, den Autor, das Buch interessieren könnten. Diese unterstellten Erfolgsaussichten bleiben natürlich immer spekulativ, aber dadurch bleibt es auch immer spannend.

Wie finden Sie bzw. wählen Sie die ÜbersetzerInnen?

Die Übersetzer kenne ich entweder schon aus zurückliegender Zusammenarbeit oder bin mit ihnen von Messen oder Veranstaltungen bekannt oder sogar befreundet. Ab und zu suche ich aber auch in einer Sprache jemanden, dann prüfe ich sehr genau seine oder ihre bisher übersetzten Bücher und suche die Übersetzer danach aus, ob sie zu dem entsprechenden Autor und seinem Text passen könnten, den ich im Auge habe. Der Verband deutschsprachiger Übersetzer (VdÜ) hat auf seiner Webseite ein sehr gut geführtes Verzeichnis für Übersetzer, sortiert nach Sprachen, dort kann man gut fündig werden. Ansonsten achte ich natürlich aber auch immer bei jedem Buch, das ich in Übersetzung lese, auf den Übersetzernamen. So bildet sich mit der Zeit ein sehr verlässliches Netzwerk.

Wie lange ist die Laufzeit von einem Projekt?
Wann ist Ihre Arbeit an einem Projekt beendet?
Was bleibt?

Mit Vorlauf sind es eigentlich immer mindestens anderthalb Jahre bis zum fertigen Buch, manchmal auch viel mehr, weil ich natürlich versuche, weit im Voraus zu planen und Verträge zu schließen, um Engpässe zu vermeiden. Die Arbeit ist eigentlich nie beendet, weil ich die Bücher ja immer weiter begleite – oder viel eher andersherum mich die Bücher immer weiter begleiten. Ab und zu muss ich im besten Fall noch eine Nachauflage drucken, ansonsten ist eben auch jedes der Bücher ein Teil von mir. Und bleibt das auch.

Gibt es Termine im Jahr auf die Sie sich besonders freuen?

Ich mag sehr die Buchmessen, besonders die große Frankfurter Buchmesse. Ich liebe die Atmosphäre, die Gespanntheit, die Aufregung, die Freude, wenn man nette Kollegen wiedersieht. Und ganz besondere Highlights sind die beiden Termine im Frühjahr und im Herbst, wenn die neuen Bücher aus der Druckerei in den Verlag angeliefert werden. Das erste Mal ein neues Buch in Händen zu halten: Das ist einfach immer noch ein berauschendes Gefühl. Ist das Buch erst einmal da, dann hinterlässt es auch seine Spuren. Bei mir, bei den Lesern, bei den Buchhändlern … Und das wird mir jedes Mal wieder bewusst, wie toll und was für ein Privileg das eigentlich ist.

Verlagsgruender S. Guggolz

Was ist Ihr aktuelles Lieblingsbuch?

Ich kann das gar nicht auf ein Buch reduzieren, dafür lese ich auch viel zu viel. Ich lese bestimmt mindestens zwei Bücher pro Woche neben meiner Arbeit, meine Lieblingsbücher wechseln also häufig. Mit besonderer Begeisterung habe ich zuletzt »Das blindgeweinte Jahrhundert« von Marcel Beyer gelesen, ein hochpoetisches, hochintellektuelles, hochwunderbares Buch, eine Recherche durch die Geistesgeschichte und die Ungeistgeschichte der Tränen. Und hochgespannt und hochfasziniert lese ich auch gerade die neuerschienenen Tagebücher von Jonas Mekas, »Ich hatte keinen Ort«, über seine Flucht als displaced person in den 1940er Jahren über Deutschland in die USA. Kluge, beobachtungsreiche Tagebücher, die mir einen Blick auf die Mitte des 20. Jahrhunderts nahebringen, von dem ich noch viel zu wenig weiß. Aber fragen Sie mich in zwei Wochen nochmal, dann kann ich Ihnen auf jeden Fall wieder neue Lieblingsbücher nennen!

Mehr über den Verlag erfahren Sie hier.

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