Wer gehört dazu? Zwei Romane, die von Klasse, Macht und Zugehörigkeit erzählen

Ob jemand gesehen, gehört oder ernst genommen wird, hängt oft von seiner sozialen Herkunft ab: Sie prägt Wahrnehmung, Handlungsspielräume und Lebenswege – meist leise, aber wirkungsvoll. Sowohl Priya Hein, Autorin aus Mauritius, als auch Natasha Brown, britische Autorin mit jamaikanischen Wurzeln, erzählen von Figuren, die sich in einer Gesellschaft bewegen, deren Regeln selten ausgesprochen werden und doch allgegenwärtig sind. Ihre Romane zeigen, wie Herkunft, Macht und Sprache ineinandergreifen – und wie sehr die Möglichkeiten, sich zu behaupten, davon abhängen, wer überhaupt sprechen darf bzw. gehört wird.

Von allgemeiner Gültigkeit

In ihrem aktuellen Roman entwirft Natasha Brown das Bild einer Gesellschaft, in der die Wirklichkeit zunehmend zu einer Frage der Deutung wird. Ausgangspunkt ist ein Angriff mit einem Goldbarren auf einer Farm in Yorkshire, den eine junge Journalistin in einem viralen Artikel verarbeitet. Damit entfacht sie eine Dynamik, die sich ihrer Kontrolle entzieht. Der Roman zeigt, wie Geschichten entstehen und wie sie unsere Sicht auf die Wirklichkeit prägen: Perspektiven verschieben sich, Wahrheiten erweisen sich als fragil, und jede Stimme beansprucht Autorität.

Brown, die bereits in ihrem ersten Buch «Zusammenkunft» die Verflechtung von Sprache und Macht in der Finanzbranche präzise ausgelotet hat, dekliniert diesen Ansatz in ihrem zweiten Roman in der Medienbranche weiter aus. Ihr Interesse gilt weniger dem Ereignis selbst als den Kräften, die es interpretieren und instrumentalisieren.
Was als Reportage beginnt, wird zunehmend zur Selbstinszenierung – und legt eine Gesellschaft frei, in der moralische Positionen ebenso schnell produziert wie verworfen werden. «Von allgemeiner Gültigkeit» ist ein analytisch scharfes Buch über die Macht der Narrative, die Illusion objektiver Wahrheit – und eine Menge unsympathische Figuren.

Das schöne Lächeln von Riambel

Während Brown zeigt, wie unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit durch Sprache und Erzählungen geprägt wird, richtet Priya Hein den Blick auf jene historischen und sozialen Strukturen, die sich dieser Sichtbarkeit oft entziehen – und dennoch fortwirken. In «Das schöne Lächeln von Riambel» erzählt sie von der 15-jährigen Noemi, die in einem Fischerdorf im Süden von Mauritius aufwächst. Früh lässt sie ihre Kindheit hinter sich. Als sie beginnt, im Haushalt einer wohlhabenden Familie zu arbeiten, trifft sie auf eine Ordnung, die von Nähe und Distanz, von Abhängigkeit und stiller Kontrolle geprägt ist.

Hein schreibt gegen die Erzählung des tropischen Paradieses an. Sie legt die Gewalt und Widersprüche frei, die sich hinter der Oberfläche verbergen. Koloniale Vergangenheit erscheint hier nicht als abgeschlossene Geschichte, sondern als fortdauernde Struktur, eingeschrieben in soziale Rollen, den eigenen Körper und jegliche Erwartungen. Ihre Protagonistin bewegt sich in einem Gefüge, das ihr kaum Spielraum lässt. Gerade in unscheinbaren Momenten zeigt sich die Härte dieser Ordnung: in Blicken, Gesten und Selbstverständlichkeiten.

Beide Romane verhandeln Klasse nicht als Kategorie, sondern als Erfahrung – als etwas, das darüber entscheidet, wer gesehen wird, wer spricht und wessen Geschichte Gewicht erhält. Sie führen vor, wie sehr soziale Ordnung auch von Erzählungen abhängt – und wie schwer es ist, sich ihr zu entziehen. Literatur wird hier selbst zu einem Ort, an dem sich Perspektiven verschieben: Sie macht sichtbar, was sonst unsichtbar bleibt, und stellt die Frage, ob es überhaupt eine «allgemeine Gültigkeit» geben kann, solange nicht alle gleichermassen gehört werden.

Literatur:

  • «Von allgemeiner Gültigkeit» von Natasha Brown. Roman. Aus dem Englischen von Eva Bonné. 158 Seiten. Suhrkamp. 2025.
  • «Das schöne Lächeln von Riambel» von Priya Hein. Roman. Aus dem Englischen von Mirjam Nuenning. 176 Seiten. Gutkind Verlag. 2025.

© Lydia Zimmer. Geschrieben für die Südtiroler Zeitschrift Kulturelemente im Frühjahr 2026. Beide Bücher sind im Buchclub DIE WELT LESEN besprochen worden.

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