Einen festen Platz im Bücherregal haben Reiseführer

Stefan ist begeisterter Leser und Mitglied im Buchclub «Die Welt lesen». Im Portrait verrät er, wie er zu neuen Buchempfehlungen kommt, erzählt von seiner eigenen Bibliothek und wohin er sich am liebsten zum Lesen zurückzieht. Im «Echo» lassen wir unsere Leserinnen und Leser mit einzelnen Portraits zu Wort kommen und laden zum Austausch von Anregungen und Empfehlungen ein.

Von wem kaufst Du ein Buch, ohne darüber nachzudenken?

Von Alex Capus habe ich (fast) jedes Buch gelesen. So würde ich auch (s)ein nächstes Buch kaufen, ohne die Kritiken dazu abzuwarten. Was mir an Capus Werken gefällt, sind sein lebensbejahender und mitunter leicht ironischer Stil sowie seine originell und unterhaltsam aufgebauten Geschichten, die stets auch Bezüge zu seinen persönlichen Erfahrungen und zu seinem Savoir-vivre aufscheinen lassen.

Wo und wie suchst Du nach Buchempfehlungen?

Ich lese regelmässig Rezensionen zu Neuerscheinungen, vor allem in der NZZ und in NZZ Bücher am Sonntag. Zudem unterbreiten mir meine Frau sowie Freunde und Bekannte immer mal wieder Buchempfehlungen. Etwa alle zwei Wochen gehe ich die Neuanschaffungslisten der drei digitalen Bibliotheken, die ich abonniert habe, systematisch durch. Alle auf diesen Wegen erhaltenen Tipps lege ich mir in einer mit Stichworten versehenen Bücherliste an, die von Jahr zu Jahr länger wird und aus der ich letztlich nur einen sehr kleinen Teil zu lesen vermag. Eine wichtige Empfehlungsquelle ist zudem der Buchclub Die Welt lesen. Die Teilnahme an dessen Veranstaltungen erfordert das vorherige Lesen des jeweils diskutierten Buches. Dies führt mich immer wieder zu anregenden Leseabenteuern abseits der mir gewohnten Pfade.

Was ist das schönste Buch in Deiner Bibliothek?

Jürg Schubiger: Als die Welt noch jung war. Das ist eigentlich ein Kinderbuch und daher sicher für Kinder am besten zu verstehen. Aber auch gewiefte Erwachsene können damit klarkommen: Es ist vergnüglich zu lesen, phantasievoll und gleichzeitig wirklichkeitsnah. Jeder Satz ist überraschend – und überraschend vertraut.

Was war für Dich das beste Buch des aktuellen Jahres? Wie bist Du auf dieses Buch gekommen?

Königskinder von Capus war zwar schon 2018 erschienen; ich habe es aber erst Anfang 2019 gelesen. Darauf zu kommen, war keine grosse Kunst: Der Titel war sozusagen ab Herausgabe angesagt und wurde in den Medien auch fleissig kommentiert. Wie in früheren Büchern geht es um ein – auch diesmal sehr gut recherchiertes – historisches Thema, bei dem der Blick auf das Leben einfacher Menschen gerichtet ist. Dazu gibt Capus seiner Geschichte eine aktuelle, fast schon märchenhafte Rahmung.

Welche Bücher findet man vor allem auf Deinem Bücherregal?

Da sind viele Fachbücher, vor allem zu Themen der Sozialen Arbeit und der systemischen Familienberatung. Dann gibt es die Reihe der behaltenswerten gelesenen Romane und schliesslich die Ecke der demnächst zu lesenden Bücher. Einen festen Platz haben Reiseführer: vor allem zu Zielen von Radreisen, Weitwanderungen und Seekayaktouren. Für noch mehr Bücher ist auf meinen Regalen kein Platz. Daher kaufe oder leihe ich mir seit einiger Zeit Bücher fast nur noch in elektronischer Form. So habe ich auch immer und überall Zugriff auf meinen Lesestoff – und das Lesen geht sich noch bequemer an.

Wie würdest du Deinen Büchergeschmack in drei Wörtern beschreiben?

Drei Worte sind da doch etwas knapp! Ein für mich feines Buch erfüllt folgende Kriterien: Das Thema oder dessen Betrachtungsweise führen mich in neue Sphären; die Handlung hat Dynamik und Drive; Geschichte und Protagonisten sind glaubhaft, und die Sprache stimmt und klingt.

Welches Buch hast Du nur aufgrund des Covers gekauft?

Keines. Aber ab und zu kaufe ich ein Buch trotz seines schlechten Covers!

Ordnest du Deine Bibliothek nach einer gewissen Struktur?

Sachbücher sind bei mir nach Thema geordnet. Da ist das relativ einfach, weil sich Sachthemen gut gruppieren lassen. Bei Belletristik wäre das schwieriger. Daher ordne ich die Romane nach der Farbe der Buchrücken: von schwarz über rot-blau-grün-gelb bis weiss. Denn wenn ich nach einem Buch suche, erinnere ich mich am besten visuell an dessen Umschlagfarbe. Für die digitalen Bücher habe ich mir eine Excel-Tabelle angelegt. Da kann ich nach Belieben suchen und sortieren.

Was ist Deiner Meinung nach ein unbekanntes Juwel – ein Buch, das mehr Aufmerksamkeit verdient?

Zwar nicht ganz unbekannt, dennoch vielleicht von vielen zu schnell übersehen: Heimweh – Vom Heimbub zum Heimleiter. Der Autor Sergio Devecchi ist ein in Fachkreisen in der ganzen Schweiz anerkannter Sozialpädagoge und Heimleiter.

Ich kenne ihn aus meinen eigenen beruflichen Zusammenhängen und schätze ihn als verstehende, lebensweise und geradlinige Persönlichkeit sehr. Erst bei seiner Pensionierung gab er öffentlich bekannt, dass er seine eigene Kindheit in Heimen verbracht hatte. 2017 publizierte er seine Biografie: immer mit Blick auf den sozialgeschichtlichen Kontext, ohne Selbstmitleid, authentisch und – im eigentlichen Sinn – betroffen.

Hast du einen Lieblingsort zum Lesen? 

Ich kann mich fast überall sehr gut lesend zurechtfinden. Mein bequemster Lesesessel steht jedoch in unserem Rustico in den wilden Tessiner Bergen.

Zur Person

Stefan Blülle ist Sozialarbeiter und Familientherapeut. In seiner Berufslaufbahn leitete er verschiedene Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, zuletzt den Kinder- und Jugenddienst des Kantons Basel-Stadt. Seit seiner Pensionierung 2017 ist er beratend tätig, widmet sich handwerklichen Projekten und wirkt als Präsident einer Trägerschaft für ein Heim in Kathmandu.

© Foto: David Marcu (Beitragsbild), lesendes Mädchen (Josh Applegate), Cover jeweils Verlagsangaben, Portrait (Stefan Blülle)

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Veröffentlicht in: Echo

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