Das literarische Gedächtnis der Schweiz

INTERVIEW

Als ich vor Jahren in die Schweiz zog und ein erstes Wochenende ohne Termine vor mir hatte, fuhr ich nach Bern. Im Schweizer Literaturarchiv (SLA) wurden damals noch Ausstellungen gezeigt. Ich verlor mich einen ganzen Tag lang  in einer wunderbaren Ausstellung über Patricia Highsmith. Die Autorin lebte lange Zeit zurückgezogen im Tessin. Seitdem bin ich dem SLA emotional stark verbunden, auch wenn heute keine Ausstellungen mehr gezeigt werden. So freue ich mich nun über einen Blick hinter die Kulissen – über das Hier und Jetzt des SLA mit Corinna Jäger-Trees.

Was ist das Besondere am Schweizerischen Literaturarchiv (SLA) im Vergleich zu anderen Archiven?

Das Schweizerische Literaturarchiv in Bern ist in der gesamten Schweiz das einzige Archiv, das Literatur aus allen vier Sprach- und Kulturräumen der Schweiz sammelt, archiviert und auswertet. Daraus resultieren Forschungsarbeiten, Editionen, wissenschaftlichen Publikationen, Veranstaltungen und Führungen. In seiner Mehrsprachigkeit ist es auch auf europäischer Ebene einzigartig.

Das Schweizerische Literaturarchiv wurde 1991 auf Druck von Friedrich Dürrenmatt gegründet. Es bietet Schriftstellerinnen und Schriftstellern aus allen vier Landessprachen die Möglichkeit, ihre literarischen Materialien fachgerecht für spätere Generationen zu archivieren und der Forschung zugänglich zu machen. Der Schwerpunkt der Sammlung liegt in der zweiten Hälfte des 20. sowie im 21. Jahrhundert. Die Sammlung bietet somit einen Querschnitt durch das literarische Schaffen der letzten 120 Jahre. Anders gesagt: Das SLA ist der Ort des literarischen Gedächtnisses der Schweiz.

Das Ziel dieses Archivs geht jedoch über die traditionellen Aufgaben des Sammelns und Archivierens hinaus. Es ist uns sehr wichtig, dass nicht nur spannende Dokumente gesammelt und erschlossen werden, sondern dass wir selbst an deren Auswertung mitarbeiten. Auch streben wir an, die Dokumente zu kontextualisieren und auf diese Weise einer interessierten Öffentlichkeit in einem erweiterten Kontext zurückzugeben.

Wie bist du zu deinem Beruf als Mitarbeiterin beim SLA gekommen?

Wie so vieles in meinem Leben war das ein glücklicher Zufall: Ich arbeitete als Assistentin am Deutschen Seminar der Universität Bern, als das Schweizerische Literaturarchiv gegründet wurde. Es war eine Stelle ausgeschrieben, die auf meine doppelte Ausrichtung als Germanistin und Italianistin wie zugeschnitten war. Dabei ging es um die Betreuung und Auswertung literarischer Materialien aus dem deutschen und italienischen Sprachraum. Ich bewarb mich – und erhielt die Stelle.

Was sind typische Anfragen oder Projekte, die du bearbeitest?

Der Archivalltag ist äusserst vielseitig, da wir auch eine öffentliche Institution mit Dienstleistungsaufgaben sind. Einerseits beinhaltet das die Betreuung von Forschenden und die Beantwortung von Fragen, die aus den verschiedensten Publikumssegmenten an uns herangetragen werden. Neben Fragen von Spezialistinnen und Spezialisten aus aller Welt stehen Fragen von Gymnasiasten und Studierenden, die eine Arbeit schreiben müssen und nach Sekundärliteratur zu einem bestimmten Autor oder Werk suchen. Es gibt auch Anfragen von Autorinnen und Autoren, die Auskunft zum eigenen Archiv erbitten: Man möchte auf etwas bereits Archiviertes zurückgreifen, oder es wird auch mal vergessen, was bereits im SLA-Magazin liegt.

Dann geht es um die Erweiterung der Sammlung und um deren Pflege. Die literarischen Materialien aus den Archiven und Nachlässen müssen fachgerecht gelagert, erschlossen und in einer Datenbank verzeichnet werden. Die Datenbank enthält eine Vielfalt an Materialien: Zettel, Notizen, Entwürfe, Erst-, Zweit- und Drittfassungen zu literarischen Texten, ausserdem Briefe, Lebensdokumente, Rezensionen, Sekundärliteratur, Fotos, Gegenstände etc. Die Datenbank soll auch ermöglichen, dass die Forschenden schon von zu Hause aus Vorentscheidungen im Hinblick auf ihr Thema treffen können: Welche Dokumente sind überhaupt vorhanden? Was ist besonders wichtig für meinen Forschungsgegenstand? Lohnt sich ein Besuch im SLA?

Besonders interessant ist, was alles beschrieben wird: Bis vor rund 20 Jahren schrieb man in erster Linie natürlich auf Papier in Form von Loseblättern, in Hefte oder in Blindbände – und heute erhalten wir vor allem Computerausdrucke. Es gibt allerdings keinen Papierträger, der nicht beschrieben werden kann: Papierservietten, Menu-Karten, Bierteller, der Empfängerabschnitt von Einzahlungsscheinen … Das Spannendste ist dann die Auswertung dieser Materialien – das Ergebnis kann ein Aufsatz sein, ein Vortrag, eine Publikation, eine literarische Soirée, eine Edition oder ein Forschungsprojekt.

Was ist das Tollste am Arbeitsalltag?

Diese Frage kann ich nur in mehreren Antworten angemessen angehen. Gerade die Vielfalt macht das Tolle des Arbeitsalltages im Literaturarchiv aus: Die spannenden und oft auch berührenden Kontakte zu den Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die man betreut; die Möglichkeit, anhand von Archivalien den Schreibenden gewissermassen bei der Entstehung eines Werkes über die Schultern zu schauen; durch die Arbeit an den Materialien immer wieder auf interessante Forschungsfragen zu stossen, die man dann in Aufsätzen, Publikationen, Veranstaltungen oder Forschungsprojekten vertiefen kann.

Welches Projekt hat dich in letzter Zeit besonders beschäftigt?

Ein Projekt zum Thema Blick nach Süden. Literarische Italienbilder aus der deutschsprachigen Schweiz hat ich mich in den letzten Jahren intensiv beschäftigt. Mein Kollege Hubert Thüring von der Universität Basel und ich haben mehrere Tagungen und Workshops dazu durchgeführt und an der Universität Basel eine Lehrveranstaltung angeboten. In diesem Herbst erscheint nun die abschliessende Publikation zu diesem Thema beim Chronos Verlag in Zürich. Italien gilt ja für viele Menschen, die nördlich der Alpen wohnen, als das Sehnsuchtsland schlechthin. Im Projekt ging es darum, zu analysieren, wie dieses Land von reisenden Schriftstellerinnen und Schriftstellern erlebt wurde. Es sollte zeigen, wie sie über ihre Erfahrungen und Sichtweisen schrieben, wie sie alte Klischees weiter transportierten oder widerlegten – in fiktionalen Texten, Tagebüchern oder Essays. Das Spektrum der behandelten Texte reicht von 1865 bis 2018. Es hat sich gezeigt, dass Italien seine Faszination als Land der Kunst, der Lebensfreude, der schönen Landschaft, des angenehmen Klimas, der korrupten Politik und des guten Essens keineswegs eingebüsst hat. Die Akzente haben sich allerdings verschoben, es hat eine Trivialisierung der Wahrnehmung stattgefunden.

Auf der Webseite habe ich folgendes gefunden: 
Auf Trouvaillen stösst, wer täglich mit den Dokumenten aus Nachlässen und Archiven arbeitet. In «Einsichten – Aussichten 2018» öffnen Mitarbeitende des Literaturarchivs ihre Nachlässe und berichten von ihren schönsten Funden. 
Kannst du uns von einem Fund erzählen?

Den für mich spannendsten und abwegigsten Fund habe ich in einer Schachtel im Archiv von Christoph Geiser gemacht: Darin lag ein kleines, etwa 14 Zentimeter grosses Skelett aus Plastik – Das Geschenk einer Pharmafirma an Christoph Geisers Vater, der in Basel Kinderarzt war. Dieses Skelett spielt im Roman Brachland von 1980 eine Rolle: Als Zeichen für die innere Situation einer Familie, die von Gemeinschaftsverlust, Sprachlosigkeit und Gefühlsarmut gekennzeichnet ist, versinnbildlicht es die Dekadenz einer bestimmten Gesellschaftsschicht der 70er- und frühen 80er-Jahre. Als Handlungsgegenstand ist es Spielzeug, Weihnachtsbaumschmuck – ein Memento Mori der zierlich-grausamen Art.

Viele Jahrzehnte lang blieb es im elterlichen Haus in Basel, und beim Tod der Mutter kam es zu Christoph Geiser nach Bern, wo es dann für einige Jahre an seiner Schreibtischlampe hing. In die Erzählung Schöne Bescherung. Kein Familienroman von 2013 hat es wieder Eingang gefunden – abermals als Weihnachtsbaumschmuck. Die Fäden, die sich vom Knochenmännchen aus spannen, sind vielschichtig. Es breitet sich ein sozial, ökonomisch, politisch, historisch und kulturell gewobener Bezugsteppich aus. Greifbar und doch äusserst befremdend verbindet dieses fragile Kuriosum zwei zeitlich weit auseinander liegende Texte und verweist dabei beispielhaft auf den komplexen Literarisierungsprozess Christoph Geisers.

Wo und wann liest du am liebsten?

Ich lese eigentlich überall – im Garten unter einem Baum, am Schreibtisch, auf dem Sofa, in der Bahn, beim Anstehen auf einem Amt – ich kann trotz «déformation professionelle» nach wie vor unvermittelt in eine fiktionale Buchwelt eintauchen und alles um mich herum vergessen. Dieses naive Lesen habe ich mir neben dem professionellen Lesen bewahrt – gemäss einer Bemerkung von Jean Paul aus seiner Biografie: «Bücher lesen heißt, wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben, über die Sterne.»

Welches Buch hat dich geprägt?

Diese Frage kann ich nicht mit einem Einzeltitel beantworten. Das liegt vermutlich daran, dass ich Literatur sehr ernst nehme. Sie ist für mich nicht nur Forschungsgegenstand oder Feierabendbeschäftigung zur Erbauung, sondern eine Kunstform, die mein Denken und meine Werte nachhaltig geprägt hat. So kann ich eher Themenkomplexe benennen, die mir wichtige Erkenntnisse im Medium Literatur vermittelt haben.

Da wäre z. B. die Divina Commedia zu nennen: Sie zeigt eben nicht nur eine göttliche, sondern auch die ganze Spannbreite einer Comédie humaine; oder das menschliche Erkenntnisstreben von Goethes Faust-Gestalt, ohne deren Drang nach Wissen und Verstehen es keinen Fortschritt gäbe; zu erwähnen wären ausserdem Brechts schonungslose Darstellungen problematischer gesellschaftlicher Verhältnisse in seiner den traditionellen Rahmen sprengenden theatralischen Darstellungsweise; oder Carlo Levis’ Christus kam nur bis Eboli, ein Buch zum aufkommenden Faschismus in Italien, exemplifiziert an einem gottvergessenen Ort im Süden.

Aus jüngerer Zeit gehören dazu Dürrenmatts Kriminalromane, welche nicht nur spannende Fälle eines lädierten Kriminalkommissärs aufrollen, sondern vielmehr auch auf philosophischer Ebene Fragen um Gerechtigkeit und deren Grenzen schlechthin abhandeln; oder die Texte von Francesco Micieli, dem ersten Italo-Schweizer, der sich mit der Situation von Migration, Entfremdung und Heimatlosigkeit auseinandersetzt und deren soziologische und psychologische Bedingungen auslotet – und damit einen zentralen Nerv unserer Gegenwart trifft.

Wann begeistert dich ein Buch?

Natürlich spielen Thema, Sprache, Stil, Figurenzeichnung und die literarische Konstruktion die wichtigste Rolle. Ich mag es, wenn ein Buch über sich hinausweist, wenn Probleme und Fragen in einer Weise abgehandelt werden, die nicht nur zeitgebunden ist; wenn neue, ungewohnte Perspektiven gewählt und Stile ausprobiert werden. Unsere gegenwärtige Zeit ist so stark im Umbruch begriffen – ich finde es äusserst spannend zu sehen, wie die Literatur darauf reagiert.

Darüber hinaus schätze ich es extrem, immer wieder neu zu erleben, wie literarische Texte aus fernen Jahrhunderten ihre Aktualität bewahrt haben: Shakespeares Dramen, Goethes Iphigenie oder Kellers Martin Salander, um nur ein paar ganz wenige Beispiele zu nennen.

Daneben habe ich aber auch eine ausgeprägte bibliophile Ader. Ich schätze ein grafisch, typografisch und äusserlich sorgfältig gearbeitetes und schön gestaltetes Buch, einen Einband, der materialmässig und farblich darauf abgestimmt ist. Das sind Dinge, auf die man bei der Buchproduktion unbedingt achten sollte ! Ganz besonders freue ich mich über originelle Ideen, die die klassische Buchform aufbrechen, wie z. B. das zweigeteilte Bilderbuch von Marcus Pfister mit dem Titel Mats oder die Wundersteine oder Bücher, die von zwei Seiten her lesbar sind.

Neben der Freude an solchen Kostbarkeiten schätzte ich aber als Arbeitsinstrument auch ein Taschenbuch, in dem ich ungeniert meine Notizen machen kann, oder die Möglichkeit, Texte elektronisch zu lesen.

Gibt es andere Arten der Literaturvermittlung, die dir wichtig sind? 

Lesen ist eine wunderbare, anregende und beflügelnde, jedoch in der Regel recht einsame Tätigkeit. Ich erlebe immer wieder, wie dankbar Leseratten sind, wenn ein Austausch stattfinden kann, der das Gelesene erläutert und in einen angemessenen Kontext stellt. Es wird sehr geschätzt, wenn Erläuterungen bereitgestellt und Diskussionen moderiert werden, die die Lektüre begleiten und die dabei helfen, das Verständnis eines Werkes zu vertiefen.

Diese Beobachtungen haben mich in jüngster Zeit dazu veranlasst, wieder Kurse an der Volkshochschule anzubieten und sie mit Reisen in literarisch bedeutsame Gegenden zu verbinden. Lesend unterwegs ist mein Motto der Literaturvermittlung. Damit ist einerseits im übertragenen Sinn das geistige Unterwegssein gemeint. Gemäss Jean-Paul Sartre beschreibt es ein Wandern in ferne Welten, aus den Stuben und über die Sterne. Andererseits geht es um das konkrete Unterwegssein in einer Gegend oder an einem bestimmten Ort, der aus irgendeinem Grund zu einem literarischen Ballungszentrum geworden ist. Im Zentrum steht also die Verknüpfung von Literatur, geografischem Raum und Kulturraum. So habe ich mit einer Gruppe unter dem Titel Aussteigen am Lago Maggiore den Monte Verità bei Ascona, die Gegend am See und die Täler im Hinterland Locarnos erkundet. Weiteres ist in Vorbereitung.

Liebe Corinna, ich danke für den Blick hinter die Kulissen des SLA!

Zur Person

Corinna Jäger-Trees studierte Germanistik und Italianistik und profitierte von längeren Auslandaufenthalten in Florenz, München und Stanford (CA). Seit 1991 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Schweizerischen Literaturarchiv in Bern. Neben archivarischen und wissenschaftlichen Tätigkeiten ist sie für diverse Forschungsprojekte am Schweizerischen Literaturarchiv verantwortlich. Sie war an der Gründung und am Aufbau der Zeitschrift Quarto, des Newsletters Passim sowie der Veranstaltungsreihe Literatur im Archiv beteiligt. Unter dem Motto Lesend unterwegs vermittelt sie Literatur nicht nur für Sesselreisende, sondern sie erkundet gemeinsam mit Leseratten literarisch und kulturell spannende Gegenden.

Dokumente und das Skelett aus dem Archiv Christoph Geiser, Schweizerisches Literaturarchiv, Bern. © Simon Schmid, Schweizerische Nationalbibliothek, Bern.
© Porträt: Irina Jäger.

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