Ich vertraue gerne auf den guten Geschmack von Freunden und Familie

Im «Echo» lassen wir unsere Leserinnen und Leser mit einzelnen Portraits zu Wort kommen und laden zum Austausch von Anregungen und Empfehlungen ein. Seraina hat sich mit Genuss und Begeisterung der Literatur und den Büchern verschrieben. Für die Lektüre zieht sie sich gerne mit einer Tasse Tee in ihren Ohrensessel in ihrem Zuhause in Zürich zurück.

Von welcher Autorin/welchem Autor kaufst Du ein Buch, ohne darüber nachzudenken?

Im Moment sind das die Bücher von Paul Nizon, ein Schweizer Autor, der in der Schweiz weitgehend unbekannt ist und in Paris wohnt. Man findet seine schönen Suhrkamp-Ausgaben nur selten in Bibliotheken und Buchhandlungen, aber in grösseren Antiquariaten. Die Bücher von Paul Nizon kreisen oft um die gleichen Themen: Immer geht es um die Liebe zu Frauen und zugleich um die Einsamkeit in der Welt, das Sich-Behaupten-Müssen in der lebendigen Stadt. Der Reiz seiner Literatur liegt in Nizons Schreibstil, denn in langen Wort- und Satzreihen schafft Nizon reiche Assoziationen und genaue Bilder. Der Inhalt wird zweitrangig: Es passiert nicht viel auf der Handlungsebene, aber die grossen Eindrücke bleiben.

Wo und wie suchst Du nach Buchempfehlungen?

Da ich in einer kleinen Buchhandlung arbeite, bekomme ich die meisten Buchempfehlungen von Kundinnen und Kunden, die an der Kasse begeistert von ihrem neuen Lieblingsbuch erzählen. Darunter sind Gymnasiallehrer, die auch mal zu einstündigem Philosophieren abschweifen oder sich an Dramen aus dem 19. Jahrhundert ergötzen; ältere Frauen mit Badetasche, die sich für italienische Literatur oder Schweizer Krimis begeistern; junge Männer, die sich mit den Neuerscheinungen aus Frankreich auskennen, oder Englischstudentinnen, die unbedingt noch mehr von Paul Auster lesen müssen – oder zumindest etwas in seinem Stil. Darüber hinaus liest mein engster Bekanntenkreis viel, und ich vertraue gerne auf den guten Geschmack von Freunden und von meiner Familie, wenn sie Bücher empfehlen.

 

Was war für Dich das beste Buch des aktuellen Jahres? Wie bist Du auf dieses Buch gekommen?

Das beste Buch im Jahr 2019 war für mich Vielleicht Esther von Katja Petrowskaja, das mir von einer guten Freundin empfohlen wurde, während ich ihr Bücherregal begutachtete. Sie erzählte mir, dass ihre Deutschlehrerin der ganzen Klasse dieses Buch zum Abschied geschenkt hatte. Ich wurde neugierig – und noch interessanter wurde das Ganze, als ich erfuhr, dass die preisgekrönte Petrowskaja ihr Bücher auf Deutsch schrieb, obwohl ihre Muttersprache Russisch ist. Die Autorin bereist in einer Spurensuche die Schauplätze ihrer tragischen Familiengeschichte – Polen, Ukraine, Deutschland und Russland – und gibt Verstorbenen und Vergessenen eine Stimme. Dabei schreibt sie keinen wuchtigen Epochenroman, sondern kleine «Geschichten», die sich nach und nach zu einem grossen Mosaik fügen. Ich war ganz besonders von ihrer behutsamen und spielerischen Sprache begeistert, von der ich nicht genug bekommen kann.

Was ist Deiner Meinung nach ein unbekanntes Juwel – ein Buch, das mehr Aufmerksamkeit verdient?

Ein unbekanntes Juwel ist eindeutig Eine ungemein eigensinnige Auswahl unbekannter Wortschönheiten aus dem Grimmschen Wörterbuch. Der Herausgeber Peter Graf hat jahrelang die vielen Bände des Grimmschen Wörterbuchs nach den schönsten, lustigsten und ungebräuchlichsten, heute oft unverständlichen Wörtern durchforstet. So hat man ein handliches «Best of» der deutschen Sprache, das in einer grafisch wunderschönen Aufmachung noch mehr Lust auf die Wörterlese macht.

 

Gibt es in Deiner Sammlung ein komisches, ungewöhnliches oder skurriles Buch? Wenn ja, welches?

Ein äusserst skurriles Buch in meiner Bibliothek trägt den Titel S. Das Schiff des Theseus von V. M. Straka, das ich nicht zu Ende gelesen habe; ja ich bin vor lauter Verwirrung über die Anfangsseiten nicht hinweggekommen. Das Buch sieht auch neu gekauft so aus, als wäre es bereits lange in Gebrauch gewesen: Das Papier ist vergilbt, an den Rändern finden sich farbige handschriftliche Kommentare von verschiedenen Personen, und zwischen den Seiten stecken Postkarten, Servietten und Zeitungsartikel. Das alles gehört zum Leseerlebnis dazu! Es ist eine unglaublich aufwendige Gestaltung, die gleichzeitig zur Herausforderung wird. Soll man zuerst die Geschichte im Buch lesen und erst danach all die Hinweise auf eine tschechische Abenteuergeschichte verfolgen? Oder beides gleichzeitig? Und: worum geht es überhaupt?

ZUR PERSON

Seraina Walser  hat Germanistik studiert, ist lesebegeistert und sammelt, verschlingt und empfiehlt liebend gern Bücher weiter. Sie ist als Tee-Expertin für Literaturecho tätig, unter anderem für den Anlass Bücher und Tee aus Asien.

© Fotos: Pj Accetturo (Titelbild), Plush Design Studio (Buch und Tee), Hannah Grace (Buch), dtv Verlagsgesellschaft (Cover)
 
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Veröffentlicht in: Echo

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