Nach den ersten zehn Seiten beschloss ich, so etwas Primitives nicht zu lesen

Irène ist leidenschaftliche Leserin. Im Portrait verrät sie uns, was man in ihrer Bibliothek findet, welches Buch sie schockiert und trotzdem verzaubert hat, und sie fasst ihren Büchergeschmack geschickt in drei Begriffen zusammen. Im «Echo» lassen wir unsere Leserinnen und Leser mit einzelnen Portraits zu Wort kommen und laden zum Austausch von Anregungen und Empfehlungen ein.

WELCHE BÜCHER FINDET MAN VOR ALLEM AUF DEINEM BÜCHERREGAL?

Auf meinem Bücherregal finden sich zahlreiche Bücher über historische Begebenheiten; angefangen bei der Antike. Leidenschaftlich gerne las und lese ich Biografien von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, Künstlerinnen und Künstlern, von Politikerinnen und Politikern, deren Wirken beeindruckt, die in ihren Erzählungen politische und gesellschaftspolitische Erkenntnisse und Bekenntnisse einfliessen lassen. Als Kind in einem politisch aktiven Hause aufgewachsen, hörte ich schon am Küchentisch von Ungleichheiten aus nah und fern.

Über die grossen Deutschen und die grossen Russen hat man schon in der Schule gesprochen. Sie alle gehören auch in das Bücherregal. Erst durch eine persönliche Begegnung fand ich Zugang zur beeindruckenden tschechischen Literatur; da gibt es nicht nur Kafka! Anstelle der Bibel liegt seit Jahren nahe meinem Bett das Buch Babicka – Die Grossmutter, geschrieben von der tschechischen Schriftstellerin Bozena Nemcova, die 1820 in Wien zur Welt kam und 1862 in Prag verstarb. Längst selbst Grossmutter, bewegen mich die zärtlichen Feinheiten, die Zuneigung, die Liebe und die Achtung. Ich geniesse die poetischen Beschreibungen einer zauberhaft ländlichen Umgebung, und es beeindrucken mich die Gedanken und die Taten dieser tschechischen Grossmutter. Dieses Buch gehört zur Weltliteratur, nur hier kennt man es kaum.

 

ORDNEST DU DEINE BÜCHER NACH EINER GEWISSEN STRUKTUR?

Ich versuche wenigstens, dies zu tun. Alle schreibenden Frauen stehen beisammen, und sie haben einen guten Platz im Büchergestell. Dann stehen die Schreibenden aus Deutschland, der Schweiz, Frankreich, Italien, Tschechien und anderen Ländern beisammen. Auch Bücher über Geschichte und Kunstgeschichte gehören in die Nähe des jeweiligen Landes. Etwas ärgerlich ist es, dass ich so unordentlich bin, dass ich die Bücher zusammensuchen muss, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Schuld daran ist ein Umzug von Lande in die Stadt, sprich grosser Platzmangel im Bücherregal!

WAS IST FÜR DIcH DAS BESTE BUCH DES AKTUELLEN JAHRES?

«Scheisse – fuck you – Arsch – Höllensohn – Drecks mex – scheisse – fuck you…» Ich habe meinen Augen nicht getraut, und nach den ersten zehn Seiten beschloss ich, so etwas Primitives nicht zu lesen. Dann las ich doch weiter und begeisterte mich von Seite zu Seite zusehends für die Sprachgewalt, den Inhalt. Dies ist eine Wunderkiste von Roman, mit musikalischer, tänzerischer Leichtigkeit geschrieben. Ich verliebte mich nicht in den Helden Liborio, ich verliebte mich in die Schriftstellerin, die Mexikanerin Aura Xilonen, die mit kaum 20 Jahren dieses Buch namens Gringo Champ geschrieben hat; genial!

WAS IST DEINER MEINUNG NACH EIN JUWEL, EIN BUCH, DAS MEHR AUFMERKSAMKEIT VERDIENT?

Es ist dies nicht nur ein Buch, es ist dies ein Schriftsteller, der erst in diesem Jahr in Basel verstorben ist. Dieter Forte schrieb irrsinnig gute Bücher, beispielsweise Das Muster. Vielleicht täusche ich mich, doch ich meine, dass man in unserer Stadt sehr wenig über diesen grossen Schriftsteller spricht.

MEIN BÜCHERGESCHMACK IN DREI WORTEN

Neugierde – Ernsthaftigkeit – Bereicherung

HAST DU EIN LITERARISCHES LIEBLINGSZITAT?

«Liebe ist die Poesie der Sinne»  (Honoré de Balzac)

© Fotos: Dakota Corbin (Titelbild), Brigitta Leupin (Portrait), Ed Robertson (Bücher)
 

Hat Sie der Beitrag dazu inspiriert, ein bestimmtes Buch oder eine bestimmte Autorin oder einen bestimmten Autor zu lesen? Teilen Sie uns Ihre Anmerkungen und Gedanken in den Kommentaren mit!

Veröffentlicht in: Echo

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