Meine grosse Liebe gilt schon der Literatur

Im persönlichen Portrait berichtet uns David ausführlich und wortgewandt über seine persönliche Bibliothek, das ausgeklügelte Ordnungssystem und über das einzige Buch, das er bis heute nicht zu Ende gelesen hat. David ist passionierter Leser und passioniertes Mitglied im Buchclub «Die Welt lesen». Im «Echo» lassen wir unsere Leserinnen und Leser zu Wort kommen und laden zum Austausch von Anregungen und Empfehlungen ein.

Von welcher Autorin/welchem Autor kaufst Du ein Buch, ohne darüber nachzudenken?

Geht es um zeitgenössische Prosa, so finde ich die Werke des kürzlich verstorbenen Philip Roth, von Margaret Atwood, Margriet de Moor, Javier Marías und David Albahari unfassbar gut. Im deutschsprachigen Raum schätze ich die Bücher von Martin Walser sehr. Selbstverständlich habe ich eine weitere «Liste 1 b» von Autoren unterschlagen, die ich eigentlich auch ohne nachzudenken gekauft habe: Lars Gustafsson, Hilary Mantel, Willem Frederik Hermans, Jenny Erpenbeck, Juli Zeh, Siri Hustvedt und John Burnside.

Was verbindet diese Autoren? Am Ende immer tiefe, unverwüstliche, vielleicht irritierende Einsichten in das Wesen Mensch, in seine Irrungen und Wirrungen, eingebettet in eine Sprache, deren Kraft, Klarheit und Dichte den schon attraktiven Kontext zuspitzt.

Gibt es ein Buch, mit dem Du Dich speziell identifizieren kannst? Welches?

Der menschliche Makel von Philip Roth ist eines dieser Meisterwerke, das mich auch beim wiederholten Lesen erschaudern lässt. Dem Autor gelingt es, ein absolut faszinierendes Panorama eines Lebens auszubreiten. Die Handlung: Literaturprofessor Coleman Silk kommt für das Wortspiel «dunkle Gestalten, die das Seminarlicht scheuen» – gemeint waren Studenten, die er im ganzen Semester nicht zu Gesicht bekommen hat – im Political-Correctness-verrückten Amerika unter Bedrängnis. Und er entscheidet sich gegen eine oberflächliche Entschuldigung, die alle Gemüter beruhigt hätte, weil er partout nicht einsehen will, eine Schuld einzugestehen, die keine ist. Diese Wahrhaftigkeit führt zu einem Abbruch seiner universitären Laufbahn, aber in der Folge nicht nur dazu. Er kehrt all dem den Rücken, was er einst – auch unter gewaltigen Lebenslügen – geschätzt und gefördert hat.

Den Mut zu haben, sein Leben auch mit 71 Jahren Revue passieren zu lassen, die Konsequenzen zu ziehen und sich neu auf völlig unsicheres Terrain zu begeben, liess mich dieses Buch atemlos lesen, neben seiner dichten, klugen Sprache, unzähligen bereichernden Nebenschauplätzen und einem Finale, das unvergleichlich ist.

Was ist das schönste Buch in Deiner Bibliothek?

Ich habe mehrere schöne Bücher in meiner Bibliothek! Das sind beispielsweise Navid Kermanis Ungläubiges Staunen oder Die Welt der Encyclopédie oder Monica Valdivis‘ Invisible Venus Go-go Volcano, aber auch die schlichter gehaltene Biografie über Robert Musil von Karl Corino (siehe Foto).

Ich bin kein Freund von digitalen Büchern, obwohl die Vorteile klar auf der Hand liegen. So bin ich richtig unvernünftig und gebe gerne den teureren Preis für das schwerere Buch mit festem Einband aus und schleppe entsprechend unnötig viele Kilos mit in die Ferien. Ein schönes, dickes Buch ist ein Kunstwerk, angefangen beim Cover über die Feinheit und den weissen Farbton der Seiten (Leinen!), nicht zu sprechen von der Entdeckungsreise, wenn ich die ersten Seiten zu lesen beginne und sich mir eine grosse neue Welt zum Eintauchen eröffnet.

Welche Bücher findet man vor allem auf Deinem Bücherregal?

Man findet sozusagen «alles» in meiner Bibliothek, aber meine grosse Liebe gilt schon der Literatur; den alten Meistern wie auch zeitgenössischer Prosa. Meine zweite grosse Liebe gilt der Philosophie, deren Sammlung mit etwa 350 Werken bereits einen bedeutenden Umfang angenommen hat. Übrigens finde ich: Bücher muss man zuerst haben. Ob man die Zeit findet, sie einmal lesen zu können, ist viel zu vernünftig gefragt. Diese Frage stellt ein Bibliophiler nicht. Ein dritter grosser Schwerpunkt meiner Sammlung sind Bücher über die Religionen und Religionswissenschaften. Einigermassen umfangreich sind auch die «Abteilungen» Geschichte, Musik, Ökonomie, Politologie, Psychologie und Soziologie. Und etwas skurril ist vielleicht meine Sprachführersammlung inklusive der Sprachen Arabisch, Chinesisch, Hebräisch/Ivrit und Hindi.

Ordnest Du Deine Bibliothek nach einer gewissen Struktur?

Oh, das ist eine ganz interessante Frage für einen ordnungsliebenden Menschen, die mich Stunden, ja sogar Tage gekostet hat!

Ich habe zu diesem Thema länger recherchiert und mich sogar mit einem Bibliothekar getroffen und ihn gefragt, wie Experten das lösen. Es gibt selbstverständlich nicht nur einen richtigen Weg, aber ich habe für mich eine Struktur gefunden, die ich konsequent einzuhalten versuche.

Zuerst gehört ein Buch in ein Fachgebiet, beispielsweise Physik. Die Fachgebiete werden alphabetisch geordnet. Also beginnt meine Bibliothek mit Allgemeines und Architektur und endet mit Wirtschaftsinformatik und Zoologie. Innerhalb des Fachgebietes wird ebenfalls alphabetisch angeordnet, wobei da für mich der Nachname des Autors entscheidend ist. Jetzt fangen die Probleme aber erst richtig an:  Alle Bücher von und über Kafka möchte ich zusammen haben. Also kommt Kafka als Autor zuerst, und alle Sekundärliteratur über Kafka folgt danach ebenfalls alphabetisch. Aber was um Himmels willen mache ich mit Kultur und Politik des Soziologen und Historikers Wolf Lepenies? In den Fachbereich Soziologie, Geschichte oder Politologie oder ins Notfach «Allgemeines»? Oder gar entsorgen?

Gibt es Bücher, die Du nicht zu Ende gelesen hast? Wieso?

Nach spätestens 100 Seiten entscheide ich mich, ob sich die Lektüre eines Buches für mich lohnt oder nicht. Ich habe auch den Anspruch an mich, Bücher zu lesen, die mir nicht auf Anhieb gefallen oder etwas Raum brauchen, um ihre Ideen zu entfalten. Bei dem Buch Die Wissenden von Mircea Cărtărescu, das mit Superlativen in einer NZZ-Rezension empfohlen wurde, habe ich nach 100 Seiten entkräftet aufgegeben. Es ist das bisher einzige Buch, das ich beim besten Willen nicht zu Ende lesen mochte. Das Buch hat eigentlich keine Handlung, sondern ist bis Seite 100 ein halluzinogener Irrlauf eines Drogenabhängigen durch den Bukarester Untergrund. Vermutlich habe ich gar nichts verstanden.

 
© Fotos: David Ruggirello
 
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