Interview Asim Maner

Wie man Lesezeichen-Sammler und -Forscher wird

Unsere Kenntnisse über Lesezeichen danken wir überwiegend privaten Sammlern. Eine institutionelle Forschung über Lesezeichen in Bibliotheken oder an den Universitäten gibt es nach meinem Kenntnisstand bislang nicht. …

Asim Maner berichtet über seine Leidenschaft und seine Passion: das Lesezeichen. Die Interviewfragen wurden von Asim Maner, Gründer und Inhaber von Mirage Bookmarks, am 4. März 2017 schriftlich beantwortet. Ich bin Anfang des Jahres auf den Lesezeichen-Sammler und -Experten aufmerksam geworden als ich einen Beitrag in einer internationalen Zeitschrift las. Ich recherchierte selbst für einen Artikel zum Thema Lesezeichen. Das er, der Experte, „um die Ecke“ in Allschwil lebt, war nur eine der vielen Erkenntnisse und Überraschungen, die unser Austausch mitbrachte. Viel Freude beim Lesen!

 

… Wissenschaftliche Erkenntnisse über die ältesten antiken Lesezeichen wurden im Rahmen der Forschungen über die Geschichte und Archeologie des Bucheinbandes gewonnen und lagen in der Literatur dieses Spezialgebietes verborgen, bis sie von einem Sammler /1/ entdeckt und zu der Sammlung von Literatur über Lesezeichen /2/ hinzugefügt wurden. So konnte der Kenntnisstand über die Geschichte der Lesezeichen in der Öffentlichkeit, z.B. auf Wikipedia, korrigiert werden. Demnach können Lesezeichen auf eine Geschichte von etwa 2000 Jahren zurückblicken und nicht wie vor der erwähnten Korrektur bis zurück in das Mittelalter.

Forschung über Lesezeichen wird heute von ernsthaften Sammlern mit unterschiedlichem beruflichen Hintergrund betrieben. Darunter sind Lehrer, Bibliothekare, Lesezeichen-Produzenten, aber auch ganz normale Angestellte. Eine ernsthafte Sammlertätigkeit beginnt meist mit dem Sammeln von alten Lesezeichen. Denn um ein altes Buchzeichen richtig einordnen zu können, ist eine tiefergehende Kenntnis und vielfach auch eigene Forschungen, beispielsweise in Onlinemedien, notwendig.

Die Sammlerinnen und Sammler

Eine generelle Zuordnung des Lesezeichensammlers zu bestimmten Berufsgruppen ist nicht möglich, lediglich die Gruppe der Bibliothekare fällt mit einer gewissen Häufung auf. Einige Sammler von Lesezeichen sind auch Sammler in benachbarten Gebieten und sammeln etwa alte Bücher. Oder sie widmen sich gleich dem übergeordneten und wesentlich breiteren Sammelgebiet der Ephemera zu. Unter Ephemera versteht man in engeren Sinn die kurzlebigen Papierprodukte wie etwa Briefe, Rechnungen, Postkarten, Fotografien, religiöse Bilder, Aktien, Plakate und vieles mehr.

Auffallend unter den Lesezeichensammlern ist der starke Unterschied der Geschlechter. So sind etwa 75 % der Sammler von Lesezeichen Frauen, wie die Mitgliederstatistik der Internetgemeinde International Friends of Bookmarks (IFOB) /3/ zeigt. Diese Auffälligkeit korreliert mit dem hohen Anteil von Frauen unter den Lesern von Büchern und hat zu diversen interessanten Erklärungsversuchen geführt /4/.

Ich persönlich lese gerne Bücher, und um gleich in der Klassifikation zu bleiben: ich lese immer nur ein Buch nach dem anderen. Ich zähle also nicht zu der Kategorie der Leser mit mindestens zwei Büchern auf ihrem Nachttisch. Meinen Zugang zu den Lesezeichen verdanke ich aber nicht meiner Lesetätigkeit, sondern meinem beruflichen Werdegang.

Mein Zugang zu den Lesezeichen

Wikinger Lesezeichen

Ägyptisches LesezeichenAls ich früher als technischer Berater für Produktentwicklungen gearbeitet habe, kam mir eines Tages der Gedanke, mit Hilfe des photolithografischen Ätzverfahrens interessante Lesezeichen aus Metall mit winzigen Lochstrukturen herzustellen. Das Verfahren wird generell für die Herstellung von Präzisionsteilen mit mikroskopischen Strukturen für etwa Smartphones, Fotoapparaten oder für Maschinensteuerungen verwendet. Es war also eine Art Hochzeit der technischen Fertigung mit der Welt der Kunst, zu der ich mich schon immer hingezogen fühlte.

Erste Muster stiessen auf Interesse bei den Buchhandlungen, wie bei der Buchhandlung Bider & Tanner in Basel, so dass ich ermutigt wurde, eine Kleinserie aufzulegen.  Die ersten Motive wiesen besonders viele Ministrukturen auf, wie etwa Viking World /5/, Ancient Egypt /6/ und Maori Art /7/. Das Produkt war eine Neuheit auf dem Markt. Es hat sich bei den damals noch zahlreich vorhandenen unabhängigen Buchhandlungen auf dem europäischen Markt schnell verbreitet, mit dem Ergebnis, dass ich meine Beratertätigkeit zunehmend zugunsten der Herstellung von Lesezeichen reduzierte.

Australisches Lesezeichen

Mirage Bookmark

Für die angelaufene Lesezeichen-Produktion wurde mit Mirage Bookmark ein Markenname kreiert. Dazu passend musste noch eine Webseite auf die Beine gestellt werden. Um einen interessanten Inhalt für die Besucher der Webseite zu bieten, kam ich auf die Idee, eine Lesezeichen-Ausstellung aufzubauen, die gut gemachte Exemplare dieser Gattung sowohl neueren Datums als auch aus älteren Tagen zeigen sollte. Die Idee war gut, aber geeignete Lesezeichen für die Ausstellung besass ich nicht. Das war also die Geburtsstunde meiner Sammlertätigkeit im Jahre 2001.

Inzwischen besitze ich sicher einige Tausend Lesezeichen aus allen Epochen, und die Ausstellung /8/ ist zu einem beachteten Erfolg geworden. Die Ausstellungstätigkeit zwang mich dazu, einiges über die Lesezeichen zu lernen. Meine wachsenden Kenntnisse über Lesezeichen haben zur Formierung eines neuen Bereiches auf meiner Webseite geführt. Dieser ist unter dem Titel The World of Bookmarks /9/ zu einer allgemeinen Informationsquelle für Lesezeichen geworden. Inzwischen gilt die Webseite Mirage Bookmark im Internet mit über 350 Seiten als führende Quelle für Lesezeichen.

Lesezeichen aus Metall

Konzentrierte sich meine Produktionstätigkeit anfänglich auf geätzte Lesezeichen aus Metall, so hat sich die Produktionspalette inzwischen erweitert. Die Herstellung von handgemachten fine art print Lesezeichen aus strukturiertem Karton für Kunstmuseen wie Fondation Beyeler ist mein neuestes Steckenpferd. So entstanden einige interessante Lesezeichen für die Ausstellungen Paul Gauguin, Jean Dubuffet und für die zur Zeit laufende Ausstellung Claude Monet.

Ob ich jetzt ein Experte für Lesezeichen bin?

Ich glaube schon. Übrigens war ich in meinem Leben schon einige Male Experte auf anderen Gebieten. Das hat meiner Meinung nach nicht mit besonderen Fähigkeiten zu tun, vielmehr wird man automatisch zum Experten, wenn man sich intensiv genug mit einer Materie beschäftigt hat. Das bedeutet nicht, dass ich nun alles über Lesezeichen weiss, ich kenne aber genügend Quellen und Personen, bei denen ich bei Bedarf Auskunft einholen kann. Einige meiner Sammlerkollegen sind auf bestimmten Gebieten sogar wesentlich kenntnisreicher als ich.

Inzwischen treten seitens der Journalisten und der Blogger, die über Lesezeichen schreiben, öfters auch Fragen an mich heran, die das Wesen der Lesezeichen betreffen und woher die Faszination für Lesezeichen kommt. Meine persönliche Begeisterung für Lesezeichen geht meist einher mit einer interessanten Aufmachung und einem guten Design, wie die folgenden Beispiele zeigen mögen /10, 11, 12/.

Japanisches Lesezeichen

Afrikanisches Lesezeichen

Englisches Lesezeichen

 

Faszinierende Geschichten

Königliches Lesezeichen

Manche Buchzeichen können auch durch eine faszinierende Geschichte begeistern, wie das zur Krönung des englischen Königs Edward VII im Jahre 1902 hergestellte Lesezeichen /13/. Der König musste sich kurz vor seiner Krönung, die am 26. Juni stattfinden sollte, einer Blinddarmoperation unterziehen. So musste die Zeremonie verschoben werden. Inzwischen waren jedoch Memorabilien wie Münzen und Lesezeichen mit dem nicht mehr gültigen Datum bereits hergestellt. Der Hersteller des Lesezeichens hatte jedoch Glück, da es am gedruckten Datum herum noch etwas Platz war. So konnte man mit einem Stempel die Worte „verschoben vom“ über und das neue Datum „9. August“ unter dem alten Datum drucken, was nur bei näherer Untersuchung durch eine Vertiefung am geprägten Text auffällt.

Die Faszination für Lesezeichen ist bei vielen Menschen mit persönlichen Erinnerungen verknüpft, wie Merle Wuttke in ihrem lesenswerten Artikel /14/ sehr schön schildert: „Hat man sich einmal für Lesezeichen entschieden, gehören sie irgendwie zu einem. Sie überstehen gescheiterte Beziehungen, Umzüge und schlechte Urlaube.“ Merle hat sogar gefunden, dass unsere Lesezeichen ein Spiegelbild unserer Selbst sind. Wenn ich meine eigene Sammlung anschaue, muss ich ihr Recht geben. Jeder kann an meiner Sammlung ablesen, dass diese Lesezeichen von einer Person angehäuft wurden, dem viel an gutem Design am Herzen liegt.

Welche Publikationen kann ich Interessierten empfehlen?

Da ist einmal das sehr schön aufgemachte Buch Bookmarks /15/ von Marco Ferreri, die in Englisch verfasst ist und mit schönen Bildern besticht. Im deutschsprachigen Bereich ist das Buch von Karl Heinz Steinbeisser mit dem Titel Lesezeichen sammeln /16/ zu empfehlen. Ausser diesen beiden Titeln gibt es eigentlich auch keine allgemeine Literatur neueren Datums mehr über Lesezeichen, was auf eine Lücke hindeutet. Ich persönlich würde gerne ein allgemeines Buch über Lesezeichen schreiben und habe auch schon einmal einen Anlauf beim Basler Schwabe Verlag gemacht, stiess jedoch aus verlagsinternen Gründen nicht sofort auf Gegenliebe. So liegt das Projekt auf der langen Bank, bis sich ein Verlag meldet und mich dazu animiert. Ansonsten kann der interessierte Leser online auf der Seite der IFOB /3/, bei der ich als Mitbegründer und Webmaster mitwirke, diversen Lesestoff und einige Informationen über Lesezeichen finden

Mein Wunsch: die Gründung eines Lesezeichen-Museums

Zum Schluss möchte ich noch auf einen Wunsch von mir eingehen, den ich seit längerer Zeit hege. Das wäre die Gründung eines Lesezeichen-Museums, am besten gleich in Basel. Wir hätten eigentlich alle Zutaten für ein erfolgreiches Projekt dieser Art. Erstens sind Lesezeichen keine Sammlerobjekte wie viele andere, vielmehr sind sie ein Kulturgut sondergleichen, das ein Spiegelbild verschiedener Epochen bis hin zum Mittelalter und in die Antike darstellt. Ausserdem hätten wir mit einigen von meinen Kollegen das notwendige Fachwissen sowie genügend qualifiziertes Material, um ein gut ausgestattetes Museum auszufüllen.

Ein solches Museum ist auch in anderen Ländern noch nicht vorhanden und würde eine international beachtete Anlaufstelle bilden. Wenn ich schon am Träumen bin, so möchte ich noch anmerken, dass eine Forschungsstelle für Lesezeichen an diesem Museum das Projekt hervorragend abrunden würde. Was fehlt ist lediglich ein Sponsor, der bereit wäre in ein solches Projekt zu investieren. Wir werden sehen, ob dieser Traum eines Tages in Erfüllung gehen wird.

Für das ausführliche Interview danke ich, Lydia Zimmer von Literaturecho, Asim Maner herzlich!

Anhang

(©: bei allen Bilder auf dieser Seite liegt das Copyright bei Asim Maner)
. /1/  Asim Maner: Earliest History of Bookmarks 
IFOB Publication No. 1, 12 pages, February 2016
. /2/  Georg Hartong: A Bookmark Bibliography January 2016, last revised 23 January 2017
. /3/  International Friends of Bookmarks (IFOB)
. /4/  Eric Weiner: Why Women Read More Than Men 
National Public Radio (npr), September 5, 2007
. /5/  Bild – Metall-Lesezeichen – Viking World (Illustration im Text)
. /6/  Bild – Metall-Lesezeichen – Ancient Egypt (Illustration im Text)
. /7/  Bild – Metall-Lesezeichen – Maori Art (Illustration im Text)
. /8/  The Art of Bookmark – a bookmark exhibition
/9/ World of Bookmarks – web’s largest information base on bookmarks
/10/ Bild – Kokeshi Bookmark by Annelore Parot, Ed. Edelvives
 (Illustration im Text)
/11/ Bild – Handmade beaded wire elephant bookmark from Africa (Illustration im Text)
/12/ Bild – Victorian diecut bookmark from 1895 The Daily Chronicle (Illustration im Text)
/13/ Bild – Lesezeichen – 1902 Coronation of King Edward VII (Illustration im Text)
/14/ Merle Wuttke: Faszinierende Lesezeichen IFOB Publication No. 6
February 17, 2017 
republication from flow Magazin, Sonderheft Lesebuch November 2016
/15/ Marco Ferreri: Bookmarks Corraini Editore, December 1995 111 Seiten, Englisch 
ISBN 978-8886250276
/16/ Karl Heinz Steinbeisser: Lesezeichen sammeln. Eigenverlag, Januar 2006
108 Seiten 
ISBN 978-3000176494

 

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