Katja Schönherr: Manuskript «Mutters Treppe»

Liebe Katja Schönherr, meine sehr geehrten Damen und Herren

Sie hörten soeben den Anfang des heute prämierten Manuskripts «Mutters Treppe». Wir in der Literaturkommission haben das Manuskript anonym gelesen, diskutiert und ausgezeichnet – und erst nach der Prämierung erfahren, wer es geschrieben hat.

Unsere Lebenserwartung steigt alle vier Jahre um ein Jahr. In wohlhabenden Ländern wie der Schweiz und Deutschland gehört sie gar zu den höchsten der Welt. Zugleich sinkt die Geburtenrate. Das bedeutet eine massive gesellschaftliche Veränderung: Immer mehr ältere Menschen stehen immer weniger jüngeren gegenüber. Welche Verantwortung trägt die eine Generation für die jeweils andere?

Dieser Frage stellt die Autorin Katja Schönherr in ihrem Manuskript die grossen Themen Alter, Einsamkeit und Familie an die Seite – und auch den facettenreichem Vergleich einer Dorfgemeinschaft mit der Grossstadt. Das ist viel und gewagt.

In ihrem Romanmanuskript «Mutters Treppe» bricht die Autorin diese Themen sensibel auf die persönliche Ebene dreier Menschen herunter. Da gibt es die 79-jährige Inge Ruck, ihren Sohn Carsten und dessen Tochter Lissa. Und genau diese Dreiecks-beziehung von drei Generationen gleicht einer Momentaufnahme unserer Gesellschaft, in der viele Menschen ihre eigenen Bedürfnisse über die der anderen stellen.

Katja Schönherr erzählt dies nicht nur aus einer einzigen Perspektive, sondern wechselt in den jeweils kurzen Kapiteln die Sicht- und Erzählweise über drei Generationen – mit einer grossen Nähe und Zugewandtheit zur jeweils im Fokus stehenden Person.

Da ist die Geschichte der einsamen Mutter Inge, die frisch operiert im Krankenhaus liegt und wieder einmal feststellt, dass ihr Sohn Carsten Wichtigeres zu tun hat, als sie zu besuchen.

Es ist aber auch die Geschichte des lügenden Sohnes, der – endlich bei der Mutter Inge angekommen – feststellt, dass sich die Phasen vor einer Begegnung mit ihr jedes Mal beklemmender anfühlen als die Begegnung selbst. Doch Carsten hat neben seiner Mutter noch eine andere Sorge: seine 14-jährige Tochter Lissa. Von allen Seiten fühlt sich Carsten bedrängt. Dabei will er nur, dass wirklich niemand über seine Zeit verfügt, ausser er selbst. Und so greift er immer wieder zur Lüge.

«Seine Lüge war ein Reflex, der übliche Reflex. Vor ein paar Jahren hat er sich angewöhnt, in unangenehmen Situationen zu sagen, er sei geschäftlich unterwegs. Wenn jemand ihn zu etwas verpflichten will, behauptet er immer, er sei in Brüssel. Am häufigsten belügt er seine Ex-Frau Sabine, seine Tochter Lissa, eine lästig gewordene Liebschaft oder eben seine Mutter. Sobald sich dieses Gefühl von Einengung um seinen Oberkörper spannt, kommt es inzwischen ganz automatisch aus ihm heraus: „Ich kann leider nicht. Ich muss morgen nach Brüssel.“ Oder: „Ich bin gerade in Brüssel.“ Er müsse auch gleich auflegen, ein wichtiger Termin.»

Fern von Romantisierung wird die Tragik der drei Generationen schon allein durch die Kommunikation zwischen den Charakteren gekennzeichnet: Die stummen Vorwürfe, die immergleichen Lügen, das lange Klingeln des Telefons, bis die Mailbox anspringt. «Er weiss genau, dass etwas passiert ist, deshalb geht er nicht ran. Er weiss genau, dass ich ihn sonst nicht anrufen würde.»

Das alles ist genau und eindringlich erzählt. Besonders beeindruckend ist, dass das Ungeheuerliche in diesem Manuskript immer nur nebenbei gesagt wird. Es ist ein unaufdringliches, eindringliches und leichtes Erzählen. Dahinter wird die Fragilität des Lebens sichtbar.

Die Fachgruppe Literatur der kantonalen Kulturförderungskommission schätzt sich glücklich, dieses Manuskript auszeichnen zu dürfen. Damit verbunden ist die Hoffnung, dass daraus ein ebenso eindrückliches Buch werde.

Begründung der Fachgruppe Literatur, Lydia Zimmer
Herbst 2020

Informationen zur Autorin

Beitrag zu Katja Schönherrs bereits erschienem Buch «Martha und Arthur» bei «52 Beste Bücher», SRF

Informationen zum Buch «Martha und Arthur»

Diese Laudatio wurde im Rahmen einer Lesereise gehalten und der Gewinnerin offiziell übergeben: An vier öffentlichen Lesungen im September und Oktober sind die ausgezeichneten Autorinnen und Autoren sowie die Übersetzerinnen zu hören und zu sehen. Die Lesereise, eine von der Fachstelle Kultur in Zusammenarbeit mit vier Literaturinstitutionen im Kanton Zürich organisierte Veranstaltungsreihe, bringt Autorinnen und Autoren mit dem Publikum zusammen. Am 17. September gastiert die Lesereise in Thalwil, am 23. September in Nänikon-Greifensee, am 26. September in Eglisau und zum Abschluss der Lesereise durch den Kanton am 3. Oktober in Affoltern am Albis. Detaillierte Informationen finden hier.

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