Japanische Gedichte – eine Entdeckung

von Seraina Walser, Praktikantin bei Literaturecho

Im Gegensatz zum deutschsprachigen Raum gehört in Japan die Lyrik zum Alltag. Bei der Beschäftigung mit japanischen Büchern musste ich feststellen: Wo mich die Erzählliteratur nicht so sehr einnimmt, tun es die wunderbaren, kurzen japanischen Gedichte.
Man schätzt, dass derzeit etwa zwei Millionen Japanerinnen und Japaner regelmässig dichten. Typische Poesieformen sind sogenannte Tanka und Haiku. Fast alle japanischen Zeitungen haben eine feste wöchentliche Tanka- und Haiku-Seite. Etwa zehn von tausend eingesendeten Gedichten werden dafür von einer Jury ausgewählt und veröffentlicht. Es gibt Tanka-Gesellschaften und Haiku-Vereine, deren Mitgliederinnen und Mitglieder sich auch über eigene Gedichte austauschen, diese gegenseitig kritisieren und voneinander lernen.
Doch was genau ist ein Tanka, was ein Haiku? Und was ist der Unterschied?

Tanka

Tanka bedeutet wörtlich «kurzes Lied». Die Gedichte entstanden in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts und stellen seit mehr als 1300 Jahren eine beliebte Versform dar. Diese älteste japanische Kurzgedichtform dominierte lange die klassische japanische Lyrik.
Tanka bestehen aus 31 Silben in fünf Verszeilen, die sich aus 5–7–5–7–7 Silben zusammensetzen. Die Verse haben keinen regelmässigen Rhythmus. Aus der Tanka-Form entwickelten sich das Kettengedicht und das Haiku.
Inhaltlich ist das Tanka ein in sich abgeschlossenes Gedicht, das an keine bestimmte Thematik gebunden ist.

In einem Gasthaus
am Fuss der Frühlingsberge
schlief ich die Nacht durch –
selbst im Traume schwebten
unablässig Blüten nieder

~ Ki No Tsurayuki

Haiku

Haiku bestehen aus 17 Silben in drei Versen mit je 5–7–5 Silben. Sie entwickelten sich im 16. Jahrhundert aus der Tanka-Form.
Unverzichtbare Bestandteile von Haiku sind die Konkretheit und der Bezug auf die Gegenwart. Vor allem traditionelle Haiku deuten eine Jahreszeit an. Dabei wird im Text nicht alles gesagt; auch Gefühle werden nur selten benannt. Sie sollen sich erst durch die aufgeführten konkreten Dinge und den Zusammenhang erschließen.
Wie keine andere Versform hat sich das Haiku in der Welt ausgebreitet. Heute wird es in vielen Sprachen verfasst. Als berühmtester Vertreter des Haiku gilt der japanische Dichter Matsuo Bashô (1644 – 1694).

Pflaumenblütenduft –
mächtig bricht die Sonne hervor
über dem Bergweg

~ Matsuo Bashô

Berg Fuji mit Kirschblüten

Lieblingsbücher

Für alle, die von der Kurzform Haiku ebenso fasziniert sind wie ich, ist der 2017 erschienene zweisprachige Reclamband Haiku. Gedichte aus fünf Jahrhunderten eine bereichernde Entdeckung. Das Buch ist wunderschön! Jedes Gedicht wird mit einer anschaulichen Symbolerklärung und einer Interpretation versehen. Der Anhang gibt einen Überblick über die Dichter und die historische Haiku-Entwicklung.
Im gleichen Verlag kam 2009 der Gedichtband Gäbe es keine Kirschblüten … Tanka aus 1300 Jahren heraus, der eine Auswahl von 100 Tanka zweisprachig vorstellt. Der handliche, schöne Band mit Kirschblüten auf dem Umschlag kommentiert jedes Gedicht kurz und lädt zum Blättern ein.

Haben Sie ein Lieblingsgedicht aus Japan?
Schreiben Sie uns in den Kommentaren!

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