Gion Mathias Cavelty: «Innozenz»

Lieber Gion Mathias Cavelty, meine sehr geehrten Damen und Herren

Gion Mathias Cavelty erhält für seinen Roman «Innozenz» einen Anerkennungsbeitrag des Kantons Zürich.

Mit dem Roman, der als Legende untertitelt ist, gehen wir auf eine klassische Heldenreise: Der Held und Inquisitor Innozenz wird vom Papst ins kleine Dorf Schwamendingen geschickt – als Käferforscher getarnt. Sein Auftrag ist es den Schädel des ersten Menschen aufzuspüren, der sich dort in den Händen einer diabolischen Sekte befinden soll.
Begleitet wird Innozenz von einem absolut reinen Buch (quasi sein Mentor), das durch keinen einzigen Buchstaben besudelt wird.
Der Unschuldige und das Buch der Bücher überqueren gemeinsam die Schwelle in die Fremde. Die Spannung steigt. Freunde und Feinde begegnen ihnen, Prüfungen gilt es zu bestehen, bald sind sie mit der schwärzesten Form von Magie konfrontiert. Bevor der Weg zurückführen könnte, geht es um Nichts und Alles.

Der Aufbau ist damit vermeintlich klassisch. Doch althergebracht ist dieses Buch bei weitem nicht. Das wäre auf allen Ebenen zu kurz gegriffen!

Fangen wir mit dem Offensichtlichen an: Das neue Buch «Innozenz», erschienen beim kleinen feinen Verlag lectorbooks, ist ein Gesamtkunstwerk!

Die Umschlagillustration ist nach einer Idee des Autors entstanden: eine goldene Ikonenfigur, deren Augen in ein von ihren Händen gehaltenes Buch ver-rückt sind. Der Einband ist in hellen Tönen gehalten und mit einer Goldprägung verfeinert. Auch das Vorsatzpapier ist golden. Das Lesebändchen kontrastiert in schwarz. Und schwarz sind auch die letzten 22 Seiten – das Nichts und Alles zeigt sich fast theatralisch. Das Buch ist voll und ganz aus einem Guss!

Doch werde ich als Leserin schon von Anfang an auf die Probe gestellt.

Zum Einen: Das Buch erzählt sich selbst.

Zum Anderen: Es liest uns, die Leserinnen und Leser, und lotet dabei die Rolle des Buches (und des Buches der Bücher) erbarmungslos aus: Was ist Schöpfung? Was ist Nichtschöpfung? Wäre es am besten, wenn gar nichts existierte? Was passiert, wenn Menschen nicht in Büchern lesen, sondern Bücher in Menschen? Ist nur ein weisses Buch ein gutes Buch?

Dieses Buch verspricht jeder Leserin und jedem Leser eine absurde Höllenfahrt, gespickt mit schwärzester Philosophie und vielen direkten und indirekten Fragen. Das muss, das kann man aushalten, und so ist es mehr als nur unterhaltende Lektüre. Das Buch ist lust- und humorvoll – und bisweilen auch sehr «schräg». Es forderte mich als Leserin auf gute Weise.

Besonders aber die Sprache Caveltys ist eine Kunst für sich: Was vordergründig scherzhaft und zum Teil trashig scheint, ist oft aufs Feinste sarkastisch und satirisch. Cavelty überzeugt mit seiner phantastischen, Grenzen sprengenden und höchst anregenden Wortwahl, der witzigen Komposition und dem ungewöhnlichem Tempo.

Zudem: Es ist bis ins kleinste Detail durchdacht. Kaum etwas in dieser Erzählung ist einfach nur fiktiv. Es gibt wohl all diese (pseudo-)religiösen und okkulten Sagen und Personen tatsächlich. Anspielungen, Symbolismen und Doppeldeutigkeiten machen dieses Buch auch zwischen den Zeilen spannend. Ich bilde mir selbst nicht ein, alles verstanden und erkannt zu haben.

«Eine Legende» steht im Untertitel. Das bedeutet zweierlei:

Erstens: Eine kurze, erbauliche religiöse Erzählung über Leben und Tod oder auch über das Martyrium von Heiligen. 100 von 100 Punkten!

Und zweitens: Eine Legende ist eine Sache, die so bekannt geworden ist, einen solchen Status erreicht hat, dass sich bereits zahlreiche Legenden um sie gebildet haben. Möge doch dieses Buch ­– dank vieler Leserinnen und Leser – zu einer Legende werden, bevor das Inferno beginnt!

Die Legende, die uns Gion Mathias Cavelty hier als Lektüre schenkt, hat die Mitglieder der Fachgruppe Literatur überzeugt.
Ich gratuliere herzlich im Namen der Fachgruppe Literatur des Kanton Zürich!
Lydia Zimmer
Herbst 2020

Informationen zum Buch

Beitrag zum Buch «52 Beste Bücher», SRF

Diese Laudatio wurde im Rahmen einer Lesereise gehalten und dem Gewinner offiziell übergeben: An vier öffentlichen Lesungen im September und Oktober sind die ausgezeichneten Autorinnen und Autoren sowie die Übersetzerinnen zu hören und zu sehen. Die Lesereise, eine von der Fachstelle Kultur in Zusammenarbeit mit vier Literaturinstitutionen im Kanton Zürich organisierte Veranstaltungsreihe, bringt Autorinnen und Autoren mit dem Publikum zusammen. Am 17. September gastiert die Lesereise in Thalwil, am 23. September in Nänikon-Greifensee, am 26. September in Eglisau und zum Abschluss der Lesereise durch den Kanton am 3. Oktober in Affoltern am Albis. Detaillierte Informationen finden hier.

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