Ein wunderbares Mittel, um gegenseitiges Verständnis zu fördern

Interview

Im Literaturhaus Zürich fanden im Februar 2019 die Argentinischen Literaturtage statt. Klar, dass ich, Lydia Zimmer, dort vor Ort Augen und Ohren offen hielt. Gespannt lauschte ich dem Gespräch von Übersetzerin Silke Kleemann und war begeistert von ihrer Arbeit. Silke Kleemann ist freiberufliche Literaturübersetzerin und Kulturvermittlerin. Und seit diesem Tag sind wir im Austausch, empfehlen uns Artikel und Bücher, halten Kontakt. Warum sie liebt, was sie tut, erzählt sie uns im folgenden Interview.

Wie bist du zu deinem Beruf gekommen?

Die Liebe zur Sprache und meine Begeisterung für Literatur haben mich quasi wie von selbst zum Übersetzen geführt, ohne dass ich das speziell geplant hätte – ich habe es einfach gemacht. Schon als Kind und später als Jugendliche habe ich Bücher verschlungen; sobald ich etwas Englisch konnte, auch im Original. Meine Eltern waren beide Englischlehrer, daher gab es bei uns zu Hause in den Regalen reichlich Futter. Später kam Spanisch dazu, das hat mir noch einmal eine ganz neue Welt eröffnet – auch konkret, weil ich mit 21 Jahren, zunächst im Rahmen meines Studiums, nach Argentinien gegangen bin und dort in den folgenden Jahren eine prägende Zeit verbracht habe. Die Menschen und die Literatur vom Río de la Plata nehmen immer noch einen speziellen Platz in meinem Herzen ein. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich etwas aus Argentinien übersetzen darf.

Meine erste große Übersetzung war dann auch ein „geheimer Klassiker“ aus Argentinien, Op Oloop von Juan Filloy, der es gleich auf die SWR-Bestenliste schaffte. Den Roman hatte ich als völliger Neuling beim damals noch in Köln ansässigen Tropen-Verlag vorgeschlagen. Es war eine tolle Chance, für die ich noch heute dankbar bin; ein Türöffner. Das letzte Buch, an dem ich aktuell mitgewirkt habe, ist Buenos Aires. Eine literarische Einladung (Wagenbach). Dort bin ich mit der Übersetzung eines Auszugs aus Ariel Magnus‘ Roman Sandra vertreten – ein aberwitziger Spaziergang durch den Stadtteil Once, der nur so strotzt vor Sprachspielen. In der Anthologie, die Timo Berger zusammengestellt hat, stehen noch viele weitere spannende Texte. Sie gibt wirklich einen guten Einblick in die argentinische Gegenwartsliteratur und spiegelt auch die aktuell leider wieder nicht einfache gesellschaftliche Lage.

Was ist dir beim Übersetzen am wichtigsten?

Am wichtigsten ist es mir, das zu transportieren, was mich selbst an einem Text begeistert, und so lange zu ringen, bis auch die Stellen, die zunächst unübersetzbar scheinen, eine Entsprechung finden, die auf die Leser der Übersetzung dieselbe – oder zumindest eine sehr ähnliche – Wirkung ausübt wie im Original. Ich bin durchaus dafür, auch mal eine Fremdheit zu wahren, oder im Deutschen neu einzuführen, aber das darf nie unbedacht oder wie ein Versäumnis bei der Übertragungsleistung wirken. Klang und Rhythmus des deutschen Textes sind mir ebenfalls sehr wichtig. In einem letzten Arbeitsdurchgang lese ich mir die meisten meiner Übersetzungen daher auch selber laut vor.

Was gefällt dir an deinem Beruf besonders?

Am Übersetzen als Beruf mag ich, dass ich dadurch Bücher aus anderen Sprachen und Kulturkreisen, die ich selbst toll finde, Menschen in meinem Heimatsprachraum zugänglich machen kann. Da geht es ja um eine ganz archaische Regung: Hey, ich hab hier was entdeckt, das will ich euch zeigen! Es geht um Horizonterweiterung. Übersetzte Literatur ist ein wunderbares Mittel, um gegenseitiges Verständnis zu fördern. Andere Weltgegenden und Denkweisen durch literarische Darstellungen im Detail und aus erster Hand kennenlernen zu können, ist für mich auch in unserer vernetzten, aber doch oft schnelllebigen und oberflächlichen Zeit weiterhin äußerst wertvoll. Mit dem Übersetzen einen Beitrag dazu zu leisten, macht mir Freude und gibt mir auch ein Gefühl der Sinnhaftigkeit meiner Arbeit.

 

Was ist das Tollste an deinem Arbeitsalltag?

Dass es keinen Alltag gibt! Durch meine verschiedenen Tätigkeiten, in der Praxis oder bei literarischen Veranstaltungen, bin ich immer wieder auch intensiv mit Menschen in Kontakt. Ich habe daher nicht das «Einsamkeitsproblem», über das andere Kolleginnen und Kollegen manchmal klagen. Und auch wenn ich am Schreibtisch sitze und an einer Übersetzung bastle, ist die geistige Freiheit gross: Jobbedingt reise ich mit meinen Autorinnen und Autoren und ihren Texten ja um die ganze Welt und muss mich, um die präzisen deutschen Entsprechungen zu finden, in ganz unterschiedliche Themenbereiche einarbeiten. Das empfinde ich als grosses Geschenk und Privileg: immer wieder frisch mit Wissen – und natürlich auch Sprachfiguren –konfrontiert zu werden, auf die ich aus mir allein heraus niemals kommen würde.

Übersetzt du öfter weibliche oder männliche Autoren? Warum? Hat das Gründe?

Das ist ungefähr ausgewogen, wobei ich in letzter Zeit häufiger Bücher von Autorinnen übersetzen durfte. Das hängt sicher auch mit der – erfreulicherweise – steigenden Anzahl verlegter Frauenstimmen zusammen. Grundsätzlich glaube ich, dass es für gute Übersetzerinnen und Übersetzer kein Problem sein sollte, auch über die Geschlechtergrenzen hinweg zu übersetzen. Vermutlich übersetzen Frauen aber öfter Männer als umgekehrt, allein wegen der Geschlechterverteilung in der Branche.

Insgesamt haben wir alle viel mehr Übung mit Männerperspektiven, weil unsere Lesegewohnheiten stark von einem überwiegend männlichen Kanon geprägt sind. Vielleicht liegt es daran, dass ich bei der Richtung «Mann übersetzt Frau» eher Bedenken hätte – insbesondere, wenn in dem Text stilistisch und inhaltlich das Welterleben einer Frau stark bestimmend ist. Andererseits kann eine solche Aufgabe natürlich das eigene Anverwandlungsvermögen noch einmal speziell fordern. Da steckt sicher Erkenntnispotenzial drin – über das rein Übersetzerische hinaus! Man lebt bei der Arbeit ja über viele Wochen oder sogar Monate eng mit dem Text zusammen, wie auch mit den darin enthaltenen Ideen und irgendwie auch mit der Autorenfigur dahinter …

In letzter Zeit hatte ich besondere Freude mit den Übersetzungen der Texte von zwei Frauen, die für mich auf verschiedene Weisen beispielhaft für spannende geschlechterbewusste Perspektiven sind: Marina Perezaguas Roman Hiroshima (Klett-Cotta) behandelt unter anderem die Frage nach der Geschlechteridentität explizit und sehr beherzt. Überhaupt ist es ihre Art, heftige Inhalte in eine sehr bildhafte Sprache zu packen. Das hat mich als Übersetzerin vor vielschichtige Herausforderungen gestellt, aber auch sehr beglückt.

Selva Almadas literarische Reportage Der Affe im Strudel (Lettre International) über die Dreharbeiten an Zama ist im Vergleich viel schlichter. Bei ihr liegt gerade in der Verknappung ein besonderer Reiz. Ihr Blick auf die Dinge und die Auswahl der Szenen, die sie beschreibt, haben für mich etwas sehr Weibliches. Ohne in dem Text speziell auf den Feminismus einzugehen, übertragen sich für mich darin eine Sicht auf die Welt sowie Werte, die Selva mit der argentinischen Frauenrechtsbewegung «Ni una menos» auch politisch öffentlich vertritt. Diese Verbindung von aktuellem Realitätsbezug und gekonnter literarischer Umsetzung gefällt mir bei beiden Autorinnen ausserordentlich.

Wann begeistert dich ein Buch? Was sind die ausschlaggebenden Aspekte?

Ich bin von einem Buch begeistert, wenn ich darin etwas Wahres spüre, eine innere Berührung, die sich sofort auf mich überträgt und mich anregt, selbst kreativ tätig zu werden.

Eine schlechte Übersetzung hingegen kann mich abtörnen, wenn es sich hölzern liest oder mich ständig Nichtidiomatisches anspringt. Generell lege ich ein Buch lieber weg – oder ärgere mich, falls ich aus beruflichen Gründen weiterlesen muss–, wenn es beim Plot zu konstruiert wirkt. Beim Stil mag ich eine gewisse Radikalität. In der Hinsicht hat mich zuletzt Lichtfang von Lisa Kränzler sehr beeindruckt: Geschichte wie Erzählton hingen mir noch lange nach.

Wer ist die letzte Autorin/der letzte Autor, den du für dich entdeckt hast?

Das ist Pico Iyer, mit The Lady and the Monk: Four seasons in Kyoto und Autumn light: Japan’s Season of Fire and Farewells. Zwei literarische Reportagen über seine Erfahrungen jetzt und vor 30 Jahren in Japan, einem Land, das auch mir nah ist. Ich bewundere, mit wie leichter Hand er die Andersartigkeit dort beschreibt, zugleich ganz lebendig und anschaulich, aber auch tiefsinnig und über das Individuelle hinausgehend, und mit grosser Menschenfreundlichkeit.

Wo und wann liest du am liebsten?

Am liebsten in meinem gemütlichen Lesesessel zu Hause! Aber auch sonst lese ich immer und überall, wo sich Gelegenheit bietet. Lesen und das damit verbundene Betreten anderer Welten sind für mich eine wunderbare Entspannung. Auf meinem Wunschzettel ans Leben steht daher ziemlich weit oben, wieder mehr Zeit zum Lesen zu haben! In der Hinsicht denke ich nostalgisch an meine Jugend zurück. Mir fehlt das wilde Querfeldein-Lesen, ganz nach Lust und Laune. Ich würde zum Beispiel gern mehr von Autorinnen und Autoren aus Afrika lesen, da kenne ich noch fast nichts …

Liebe Silke, ich danke für den Einblick in deinen spannenden und abwechslungsreichen Berufsalltag!
Ich freue mich auf ein Wiedersehen!

Zur Person

Silke Kleemann, 1976 in Köln geboren, studierte Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft in Mainz/Germersheim. Sie arbeitet seit 2000 freiberuflich als Literaturübersetzerin, Autorin und Kulturvermittlerin. Sie übersetzt hauptsächlich aus dem Spanischen (u. a. Sergio Olguín, Daína Chaviano, Alberto Fuguet, Juan Bonilla, Diana Bellessi) und hat zweisprachige Übersetzerwerkstätten in Spanien und Argentinien organisiert. Bei Veranstaltungen oder in Rezensionen stellt sie besonders gerne Autorinnen und Autoren aus Lateinamerika vor. 2015 erhielt sie für ihre Übersetzungen des argentinischen Autors Ariel Magnus einen Bayrischen Kunstförderpreis für Literatur. Neben der schreibenden Tätigkeit begleitet sie Menschen therapeutisch mit traditionellem japanischen Reiki und mit Meditation.

© Fotos: Ellen Bornkessel (Porträtfoto), alle restlichen Bilder sind Screenshots des Video-Beitrags vom Bayerischen Kunstförderpreis 2015 (HFF München, Lea Becker).

 

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