Auf meinem Bücherregal findet man so ziemlich alles

Auch wenn die englischsprachige Literatur ihre Bibliothek in Beschlag genommen hat, Nina liest «kreuz und quer durch die Genres». Lesen Sie über die Bücher, die man in Ninas Regal vor allem findet, über ihren Lieblingsleseort und welches Buch sie als zuletzt überrascht hat. Im «Echo» lassen wir unsere Leserinnen und Leser mit einzelnen Portraits zu Wort kommen und laden zum Austausch von Anregungen und Empfehlungen ein.

Welche Bücher findet man vor allem auf deinem Bücherregal?

Eigentlich findet man so ziemlich alles – ich lese ab und zu ziemlich kreuz und quer durch die Genres. Vor allem lese ich englischsprachige Literatur, die aber sehr international orientiert ist. Vor allem finde ich Geschichten der Migration faszinierend – sei es von Menschen, die auf der Flucht sind und gezwungen werden, alles hinter sich zu lassen, oder aber die die aus persönlicher Motivation ihre Heimat verlassen.

Doch auch Erzählungen, die sich auf einzelne Charaktere konzentrieren, finde ich sehr spannend. Von solchen «Charakterstudien» denke ich immer, dass sie unglaublich schwierig zu konzipieren sind. Da bin ich bei einem gelungenen Werk umso begeisterter!

 

Ordnest du deine Bibliothek nach einer gewissen Struktur?

Ich bin ein Mensch, der gerne gut organisiert ist. Das wirkt sich auch auf meine Büchersammlung aus. Primär sind meine Bücher nach gelesenen und noch zu lesenden Bücher geordnet – das funktioniert dann wie eine physische To-Do-Liste. Diese Sortierung gefällt mir sehr! Generell trenne ich auch englischsprachige Literatur von der deutschsprachigen und von den wenigen französischen und italienischen Büchern, die den Weg auf mein Bücherregal geschafft haben. Innerhalb der jeweiligen Sprache separiere ich auch Sachliteratur vom Rest. Das klingt jetzt ziemlich kompliziert, aber so habe ich eine gute Orientierung und kann auch auf die Schnelle ein Buch aus dem Bücherregal ziehen, wenn ich eine neue Lektüre brauche.

Wo ist dein Lieblingsort zum Lesen?

Lesen kann ich eigentlich überall. Und iche tue das auch regelmässig. Am liebsten lese ich aber irgendwo, wo ich absolute Ruhe habe. Im Zug oder in einem Café schätze ich zwar den Tapetenwechsel sehr, aber ich schweife oft vom Lesen ab. So richtig in einer Geschichte versinken kann ich dann doch am besten zu Hause auf meinem Sofa.

Von welcher Autorin/welchen Autor kaufst du ein Buch, ohne darüber nachzudenken?

Ich lese zwar nicht viel Sci-Fi oder Fantasy-Romane und bin daher auch umso wählerischer, aber eine Autorin, die mich bis jetzt nicht enttäuscht hat, ist Victoria Schwab. Sie schreibt spannende Geschichten, die stark von aktuellen Thematiken inspiriert sind und unkonventioneller daher kommen als der aktuelle Fantasy-Kanon.

Und als zweite ist das Chimamanda Ngozie Adichie. Ich bin über ihre TEDtalk-Rede auf sie aufmerksam geworden, und bis jetzt war jedes ihrer Bücher, das ich gelesen habe, ein absoluter Genuss.

Gibt es Bücher, die du nicht zu Ende gelesen hast? Wieso?

Ich erlebe es zwar nicht häufig, dass ich ein Buch nicht zu Ende lese – da bin ich zu fest daran interessiert, wie eine Geschichte ausgeht –, aber es kommt doch schon vor. Das letzte Buch, das ich nicht zu Ende las, war «Balg» von Tabea Steiner. Ich werfe mich damit wahrscheinlich in eine ziemliche Kontroverse, aber vielleicht muss ich meine Entscheidung etwas rechtfertigen.

Ich finde nicht, dass «Balg» ein schlechtes Buch ist. Im Gegenteil; ich bin überzeugt, dass das Buch und die Autorin zu Recht für den Schweizer Buchpreis 2019 nominiert sind. Die Monotonie und die Spirale der Armut, die Antonia und ihren Sohn so sehr bedrücken finde ich unglaublich realistisch beschrieben, und ich konnte ihr Erleben auch sehr gut nachempfinden. Zu gut! Wenn ich einige Seiten des Buches las, ging es mir so richtig schlecht, weil ich mich zu wenig von den Gefühlen und der Hoffnungslosigkeit der Charaktere distanzieren konnte. Ich selbst fiel ein bisschen in diese Depression, die die Charaktere verfolgt. Im Endeffekt habe ich mich dann dazu entschieden, doe Lektüre abzubrechen und die letzten 20 Seiten zu überfliegen – damit ich doch etwas mit dem Buch abschliessen konnte.

In anderen Fällen – wenn ich ein Buch nicht zu Ende lese – liegt das meistens daran, dass ich den Schreib- oder Erzählstil nicht mag oder dass mich die Charaktere oder die Erzählung zu wenig interessieren.

Welches Buch hat dich überrascht – und warum?

Erst kürzlich habe ich «The Marrow Thieves» (2018, noch nicht auf Deutsch erschienen) von Cherie Dimaline gelesen – auf Empfehlung einer Freundin. Die Geschichte erzählt von einem postapokalyptischen Nordamerika, in dem die indigenen Völker als Schlüssel zur Rettung der Menschheit gesehen werden. Dadurch werden sie verfolgt und sind ständig auf der Flucht. Erzählt wird aus der Perspektive eines indigenen Jungen. Die Geschichte greift auf Elemente des magischen Realismus der indigenen Völker zurück und ist daher nicht unbedingt für jede Leserin und Leser geeignet.

Für mich war das Buch überraschend, weil ich über die ersten 50 Seiten hinweg nah dran war, es abzubrechen. Die Welt, die Charaktere und die Atmosphäre waren mir so fremd, dass ich Mühe hatte, mich von der Erzählung so richtig packen zu lassen. Ich habe es dann einige Tage zur Seite gelegt. Als ich dann in einem zweiten Anlauf anfing zu lesen, habe ich nicht aufgehört, bis ich fertig war. Jetzt ist es ein Buch, an das ich mich noch jahrelang erinnern werde.

ZUR PERSON

Nina Richard war von Juli bis Dezember 2019 Praktikantin bei Literaturecho und wirkt weiterhin als freischaffende Mitarbeiterin bei unseren Projekten mit. Sie hat in Bern Englische Sprach- und Literaturwissenschaften im Master und Psychologie im Bachelor studiert und ist seit ihrem Abschluss in der Buchbranche tätig. Sie ist – wie das Interview vermuten lässt – passionierte Leserin von vielfältiger und unterschiedlichster Literatur.

(c) Copyright: Nina Richard

Veröffentlicht in: Echo

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