Amazon

Buchverkauf im Internet = Amazon?!

Patrick Schneebeli berichtet für Sie.

«Und wieder wird in Zürich eine Buchhandlung geschlossen», lautete der Anreisser zum Artikel in der NZZ über das bevorstehende Ende einer Buchhandlung. Auch in diesem Artikel wird auf die zunehmende Verlagerung der Buchkäufe ins Internet Bezug genommen. Buchverkauf im Internet heisst heute meistens: über Amazon.

Als Vertriebsmensch kann man die Sache durch verschiedene Brillen betrachten. Mit der rein rational-technokratischen Brille auf der Nase sage ich: es fällt ein Verkaufspunkt Buchhandlung für mich weg, aber Amazon steht für so viele Verkaufspunkte wie es Internetzugänge gibt – alles bestens also, so lange meine Titel da zu finden sind. Mit der Brille dessen, der Vernunft und Gefühl im Gleichgewicht zu halten versucht, lässt sich sagen: das ist sehr schade, das war eine sehr gut sortierte und kompetente Buchhandlung, die nun für unser Programm wegfällt – wenigstens sind unsere Titel auch bei Amazon zu finden, das fängt einen Teil der nun wegfallenden Verkäufe auf. Mit der nostalgischen Brille sieht die Bücherwelt nochmals ein Stück düsterer aus nach dieser Nachricht und man sagt, leise seufzend, – nichts.

Computer

Realitäten

«Man kann Realitäten ignorieren, schlucken oder umarmen.» (NZZ Wirtschaftsteil, 18.01.2013) Das Internet, Amazon und die menschliche Neigung, sich das Leben oder jedenfalls den Konsum einfach zu machen, sind Realitäten. Ignorieren ist da für einen Verlag wie Scheidegger & Spiess keine Option. Also schlucken oder umarmen.

Nun lässt sich Amazon nicht so leicht umarmen. Dafür ist die Dame einerseits zu gross und wir sind andererseits zu klein. Zudem ringen Vernunft und Gefühl miteinander: bedeutender, immer wichtiger werdender Absatzkanal – aber, meine Güte, ist die Website hässlich! Und dazu umgibt sie sich mit einem Wall von Anonymität und spielt ihre Bedeutung für Büchermenschen ungerührt als Trumpfkarte aus.

Amazon Advantages?

Unlängst rief mich Frau G. vom Amazon Advantage Team an, die mir die Teilnahme am Advantage-Programm wieder einmal näher bringen wollte. Nun sehe ich die «Advantages» da recht einseitig verteilt. Ich mache fast die ganze Arbeit selber, gewähre 50% Rabatt plus weitere 5% für «Lagerhaltung, zielgerichtete Vermarktung und Plattform», nebst einer Jahresgebühr von knapp 50 Euro. Algorithmen sind ja auch qualifizierte und hochbezahlte Mitarbeiter für die zielgerichtete Vermarktung im Gemischtwarenladen. Amazon, wie sie das so hübsch ausdrücken, «legt sich mindestens 2 Exemplare [jedes Artikels] auf Lager» dafür – die von uns versandkostenfrei geliefert werden. «Ein einfacher, kostengünstiger Weg, Ihre kompletten Produkte über Amazon zu verkaufen.» Das mag für einige Verlage zutreffen und sich eventuell auch rechnen. Möglicherweise könnten auch wir unsere Verkäufe darüber steigern, aber ich bezweifle es stark. Und Frau G. rückt mit keinen Zahlen zu vergleichbaren Häusern heraus.

Amazon

Ich spreche sie dann auch auf die Titeldaten an, die ja auf verschlungenen Wegen ins Amazon-System gelangen und dort gelegentlich fehlerhaft sind. Frau G. verweist mich in der Frage auf die Angaben, die auf der Website zu finden sind. Und dort gelangt man dann in eine Endlosschleife von Links, ohne wirklich eine Antwort zu finden auf die Frage, wie man fehlerhafte Angaben einfach korrigieren kann. Es sei denn, man nimmt am Advantage-Programm teil. Was mir Frau G. mit interpretationsfähigem Ausdruck in der Stimme schon am Telefon sagte. Dann kann man ja fast die ganze Arbeit selber machen.

Schlucken

Also schlucken, die Realität. Mit fehlerhaften Titeldaten auf einer hässlichen Website leben, die zugleich ein immer wichtiger werdender Absatzkanal ist. Dass man es sich extra etwas kosten lassen muss, um seine Bücher den Kunden von den Algorithmen eher einmal automatisch-aktiv vorgeschlagen zu bekommen. Dass man nur schwer mit einem Menschen sprechen kann bei Amazon. Frau G. heisst gemäss ihrer E-Mail-Adresse eigentlich Advantage-Buchkontakt – Müller-Lüdenscheidt 2.0, sozusagen –, ist telefonisch nur schwer zu erreichen und ruft daher selber an, wenn sie Zeit hat oder einen neuen Advantage-Partner gewinnen will.

AutorRealistisch und herzlich, Ihr
Patrick Schneebeli

Patrick Schneebeli ist Vertriebsleiter der Verlage Scheidegger & Spiess und Park Books in Zürich.Dieser Beitrag wurde in der Zeitschrift vom Schweizer Buchhändler- und Verlegerverband (SBVV) „Schweizer Buchhandel“ veröffentlicht. Lydia Zimmer dankt dem SBVV und Patrick Schneebeli.

 

Lydia Zimmer fragt Sie nun: Kaufen Sie bei Amazon? Warum?
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