Meine 4 Empfehlungen: Wo lese ich was in Weimar?

Heute empfehle ich Ihnen meine aktuell liebsten Buch-Ort-Kombinationen in Weimar. Denn es macht für mich einen Unterschied, wo ich was lese (und mit welcher Aussicht).

Bücherkubus und „Lotte in Weimar“ von Thomas Mann

Seit 2006 ist das Zentrum des neuen Studienzentrums der Herzogin Anna Amalia Bibliothek der sogenannte Bücherkubus. Dieser Ort erinnert mich, wenn ich nach oben blicke, an eine Kathedrale. Die Atmosphäre empfinde ich fast als sakral. Schöner können Bücher kaum präsentiert oder gelesen werden.
In den Freihandbereichen im und um den Bücherkubus werden mehr als 100.000 Medien angeboten, frei zugänglich und systematisch geordnet. Die Forschungsbibliothek verfügt über einen Bestand von etwa eine Million Bände: Der Sammlungsschwerpunkt liegt auf der deutschen Kultur- und Literaturgeschichte zwischen 1750 und 1850. Es gibt zahlreiche andere Kostbarkeiten, auf die ich hier nicht genauer eingehen kann.
Diesen Ort finden nur wenige Touristen, obwohl er direkt am Marktplatz liegt. Hier schlägt das Herz jedes Buchmenschen höher. Ich lade Sie ein, im Bücherkubus ein paar Zeilen von Thomas Manns „Lotte in Weimar“ zu lesen. Seit Veröffentlichung des Romans im Jahr 1939 schien unstrittig, dass Mann mit diesem Werk seinem dichterischen Vorbild Goethe huldigt – eine literarische Glorifizierung sozusagen.
Die Hauptfigur Charlotte Kestner, geborene Buff, macht Station im Gasthof „Zum Elephanten“. „Der Elephant“, wie die Weimarer sagen, liegt zwei Gehminuten vom Bücherkubus entfernt. Hier können Sie im Anschluss einen Kaffee trinken oder den Abend mit einem Glas Wein einläuten.

Neue Bibliothek

Gretchens Restaurant und Café und „Die Wahlverwandtschaften“ von Johann Wolfgang Goethe

Dieses kleine Restaurant mitten im Zentrum liegt gleich links neben dem Goethe-Haus. Die Dachterrasse mit Lavendelfeld und Kinderspielplatz gilt als Geheimtipp. Am Nachmittag werden allerlei Kuchen und Torten angeboten, der Cappuccino sei laut Süddeutscher Zeitung der Beste der Stadt.
Ich empfehle, an diesem Ort „Die Wahlverwandtschaften“ zu lesen. Schon auf dem Weg zum Restaurant werden Sie den Eindruck haben, 200 Jahre zurück versetzt zu sein. Die kleine Strasse mit dem alten Kopfsteinpflaster vermittelt die Atmosphäre der Goethezeit in Weimar noch heute.
„Die Wahlverwandtschaften“ ist ein Roman von Johann Wolfgang von Goethe aus dem Jahr 1809. Der Konflikt zwischen Leidenschaft und Vernunft führt ins Chaos und schliesslich zu einem tragischen Ende. Mit dem guten Kuchen lässt sich das besser ertragen – und nach ein paar Tagen in der Kleinstadt Weimar wissen Sie, wie Goethe seinen Stoff für diesen Roman fand. Jeder kannte jeden, jeder beobachtete jeden. Das ist auch heute so, sagen die Weimarer. Hier im Restaurant sind Sie unbeobachtet.

Bus der Linie 7 und „Das Paradies“ von Andrea Hanna Hünniger

Nun eine zugegeben ungewöhnliche Leseort-Empfehlung: die Buslinie 7. Starten Sie am Goetheplatz und fahren Sie eine Runde Richtung Weimar-West. Sie erleben eine besondere Stadtrundfahrt. Ich hole etwas aus, um diesen Tipp zu rechtfertigen – denn hier finden Sie kaum etwas vom weltbekannten, klassischen Weimar. Das ist meine volle Absicht!
Weimar-West liegt westlich des Stadtkerns und wurde ab 1978 als Plattenbausiedlung erbaut. Die offizielle Bezeichnung der Stadtverwaltung für das neue Wohngebiet, an dessen Stelle bis Mitte der 1970er-Jahre die beliebte Kleingartensiedlung „Paradies“ gewesen war, lautete „Weimar – Am Stadion“, um so etwaige Assoziationen mit „Berlin (West)“ zu vermeiden. Der Volksmund blieb unbeeindruckt bei „Weimar-West“ – schon aufgrund der Logik, die sich aus der Bezeichnung des anderen Neubaugebietes Weimar-Nord ergab.
Westlich erstreckt sich der seit 2001 geschützte Landschaftsbestandteil „Paradies“, der aus einem Feuchtgebiet und aus Brachflächen besteht. Der Stadtteil ist nur über zwei Strassen und zwei öffentliche Fusswege erreichbar.
Bis 1987 entstanden in Weimar-West 3.660 Wohnungen in Plattenbauweise, womit ein akutes Problem der Wohnraumversorgung der Stadt Weimar gelöst wurde. Nicht alle geplanten gesellschaftlichen Einrichtungen wurden realisiert, aber es entstanden drei Kindertagesstätten, drei Schulen mit Sporthallen, ein Ärztehaus, eine Apotheke, eine Milchbar und im zentralen Bereich eine Kaufhalle für Waren des täglichen Bedarfs.
Weimar-West war ursprünglich für ungefähr 10.000 Einwohner ausgelegt. Der damals bescheidene Komfort einer Neubauwohnung, die vielen gemeinschaftlichen Freiflächen sowie die gute soziale und altersmässige Mischung der Bewohner machten die Siedlung lange Zeit zu einem beliebten und attraktiven Wohngebiet. Aber die Bausubstanz und Infrastruktur wurden zunehmend vernachlässigt. Die Folge war, vor allem nach 1990, die Zunahme des Leerstandes und sozialer Probleme. Heute weist der Stadtteil eine relativ gute Infrastruktur auf. Es wohnen rund 5.000 Personen in Weimar-West.

WeimarWest_Literaturecho

Das Einkaufszentrum im Mittelpunkt von Weimar-West spielt eine zentrale Rolle zu Beginn der Handlung meiner Romanempfehlung: Andrea Hünnigers Buch „Das Paradies: Meine Jugend nach der Mauer“. Die Autorin charakterisiert ihren Geburtstort Weimar-West und die 90er-Jahre in Ostdeutschland: neue Supermärkte, rote Mountainbikes und schweigende Eltern. Wie nebenbei ist für die damals fünfjährige Autorin die Mauer gefallen. Der Vater bekommt eine Hirnhautentzündung, die Mutter eine Umschulung. „DDR? Was ist das?“ fragt die Autorin ihre stummen Eltern. Was nützen die grossen Supermärkte, wenn die Eltern einem nie Süssigkeiten kaufen? Was auch immer der Sozialismus war, da schwingt etwas von Zahnarzt mit. Während die Eltern sich hinter den Plattenbaumauern verschanzen, erziehen die Kinder sich selbst zwischen der Kleingartensiedlung, die alle das »Paradies« nennen, und den Probierständen im Supermarkt, wo es den Helmut-Kohl-Gedenkkuchen gibt, den man mit der Verpackung essen kann.
Andrea Hanna Hünniger erzählt berührend und witzig von ihrer Generation – die zwischen den Idealen der Eltern und den Verheissungen eines neuen Landes steht.

Frauentor und „Behalte mich ja lieb! Christianes und Goethes Ehebriefe“ von Sigrid Damm

Im „Frauentor“, sowohl Bistro, Café als auch Restaurant, sind Sie zu jeder Tageszeit richtig. Ursprünglich wollte ich Ihnen das Buch „Ein liebender Mann“ von Martin Walser empfehlen. Doch zugegeben bin ich kein grosser Fan von Martin Walser – vielleicht, weil ich eine junge Frau bin, er jedoch ein älterer Herr, und ich daher seinen Blickwinkel nicht immer teile. Ich bin romantisch veranlagt und liebe Briefwechsel. Daher ist meine Empfehlung für das schöne Frauentor ein sehr hübsch gestaltetes Büchlein „Behalte mich ja lieb! Christianes und Goethes Ehebriefe“ (Insel-Bücherei).
Christiane und Johann Wolfgang Goethe haben 28 Jahre gemeinsam gelebt, 18 Jahre in freier Liebe, zehn als Eheleute. Aus den Briefen, die Christiane und Goethe wechselten, hat Sigrid Damm eine Auswahl zusammengestellt, die ein authentisches Bild der vielgeschmähten Partnerschaft gibt. Sie zeigt die Nähe beider, in der Liebe wie im Alltag und ihre Zärtlichkeit füreinander. Die Briefe sind eindrücklich. Dank ihrer Kürze können Sie immer wieder eine Pause einlegen.
Das Frauentor ist der Klassiker im besten Sinne in Weimars Schillerstrasse. Es ist täglich von 9.00 bis 23.00 Uhr geöffnet. In bester Lage mit Blick auf das Goethehaus bietet Ihnen das Restaurant eine kreative, frische Küche und ausgewählte Weine aus der Region. Aus dem Kochbuch der Louise von Lengefeld, besser bekannt als Schillers Schwiegermutter, gibt es ein köstliches Menü in vier Gängen. In der hauseigenen Konditorei werden täglich köstliche Torten und Kuchen kreiert. Die beeindruckenden Torten sind eine Sünde wert!

Verbinden Sie auch Orte mit spezifischen Büchern? Welche?
Verraten Sie mir Ihre Buch-Ort-Kombination in den Kommentaren!

2 Gedanken zu „Meine 4 Empfehlungen: Wo lese ich was in Weimar?

  1. Elke sagt:

    Vielen Dank für den Buchtipp „Das Paradies“! Ich war beim Fall der Mauer 18 und spreche viel mit Menschen, die beide Teile Deutschlands vor der Wende oder sogar noch vor dem Mauerbau kannten. Aber die Schilderung von jemandem, der 1989 erst fünf war, keine eigene Erinnerung an die Teilung hat und sich das Wissen über seine Herkunft mühsam aneignen muss, weil Lehrer und Eltern über zerbrochene Träume nicht reden wollen, diese Schilderung war für mich spannendes Neuland. „Eltern mit Zukunftsangst, sparende Eltern, traurige Eltern, fremde Eltern“, darum kreist in dieser besonderen Autobiografie alles. Umso verwirrender ist es für die Autorin, oft mit diesem Land identifiziert zu werden – „Du bist also aus der DDR“ -, das sie gar nicht kennt. Dass daraus Unsicherheiten entstehen, mit denen man in der Pubertät schwer klarkommen kann, versteht sich von selbst: „Fünf Leute aus meiner Klasse machen inzwischen schon eine Psychotherapie oder nehmen Antidepressiva.“
    Wie luxuriös es ist, eine Identität zu haben, weiss man erst, wenn man Menschen beobachtet, die um eine ringen. Schon für diese Erkenntnis lohnt es sich, „Das Paradies“ zu lesen, – notfalls auch, ohne extra dafür nach Weimar-West zu kommen.

    • Lydia Zimmer sagt:

      Liebe Elke
      Sie haben meine Beweggründe für eine Lektüre dieses Buches hervorragend auf den Punkt gebracht. Danke für Ihr Feedback!
      Möge das Buch noch viele Leserinnen und Leser erreichen. 🙂
      Liebe Grüsse
      Ihre Lydia Zimmer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.