Einladung zur Weltliteratur

Exkurs: Einladung zur Weltliteratur

(NZZ Artikel vom 26.5.2017)

von Ilija Trojanow
 
Er lese, um überrascht, herausgefordert und geschockt zu werden, schreibt der Schriftsteller Ilija Trojanow. Er plädiert für mehr Neugier und Leidenschaft im Umgang mit Literatur aus aller Welt.

Dieser Artikel öffnete mir einmal mehr die Augen … Es ist ein Plädoyer für das Lesen abseits der bekannten Pfade, für das kritische und genaue Hinsehen, für Mut zu neuen Ufern. Deswegen veröffentliche ich diesen Artikel ausnahmsweise hier im Blog – für Sie als Inspiration.
Liebe Grüsse, Ihre Lydia Zimmer, Gründerin von Die Welt lesen. Der Buchclub

 

Im Jahre 1990, die Welt war gerade im Umbruch, betrat ich eine Buchhandlung in Duisburg und stellte mich als jungen Verleger vor. «Was für Bücher verlegen Sie?», fragte die Buchhändlerin. «Afrikanische Literatur», erwiderte ich. «Afrika», wiederholte die Buchhändlerin, als beäugte sie einen vermeintlich ungeniessbaren Happen. «Nein, danke, da haben wir schon ein Buch.»

Zu meinem Erstaunen habe ich in den Verlegerjahren danach und bis zum heutigen Tag eine Vielzahl von Menschen getroffen, die sich in derartiger literarischer Enthaltsamkeit nicht nur kommod eingerichtet haben, sondern diese auch aggressiv verteidigen. Andere wiederum behaupten, die Lage habe sich zum Besseren geändert, die Borniertheit eines Blicks, für den der eigene Gartenzaun die Grenze der Welt ist, sei überwunden. Das sind meistens jene, die selbst ein weltliterarisches Erweckungserlebnis erfahren haben.

Hält dieser Optimismus den kanonischen Listen stand, die seit zwei Jahrzehnten mit beträchtlichem medialem Getöse veröffentlicht werden? 1999 wählten französische Leser die 50 wichtigsten Werke der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts aus einem Pool von 200 Titeln, erstellt von Literaturkritikern und Bibliothekaren. 14 Titel unter den ersten 20 sind auf Französisch geschrieben. In den Top 20 nur eine Frau, Anne Frank. Auf der Liste taucht ein einziger Autor aus dem Süden auf, Gabriel García Márquez auf Position 33 mit «Hundert Jahre Einsamkeit».

Immer wieder Gabo

2003 erschien im «Guardian» die Liste «The 100 greatest novels of all time». Unter den besten 10 rangieren 8 britische Autoren (und ich meine «britisch» – kein Amerikaner versteckt sich unter ihnen). 41 der besten 50 Romane wurden auf Englisch geschrieben, ein einziger auf Deutsch, Franz Kafka auf Platz 49 (in manchen Sportarten qualifiziert man sich mit so einem Weltranglistenplatz nicht für die Olympischen Spiele). Erst auf Position 76 taucht der erste nichtwestliche Schriftsteller auf, wiederum Gabriel García Márquez.

Als die BBC im selben Jahr die Hörer zur Wahl ihrer Lieblingsbücher aufrief, waren die ersten 19 Titel englischsprachig, und von diesen stammten immerhin 7 von Frauen. Und die grosse weite Welt? Wieder Gabo. Zusammengefasst: Der Bauer liest, was er kennt. Und Gabriel García Márquez.

Wie wäre es, wenn die Mitglieder von «litprom», einem Verein in Frankfurt, der entscheidende Pionierarbeit geleistet hat, die Literaturen der Welt in den deutschsprachigen Raum zu importieren, entscheiden dürften? Hier das Ergebnis einer Umfrage: An erster Stelle Gabriel García Márquez, es folgen Nagib Machfus, Chinua Achebe, Salman Rushdie, Amadou Hampâté Bâ, Assia Djebar, Wole Soyinka, Ngugi wa Thiong’o und Nuruddin Farah.

Wäre dies der gültige Kanon, würden viele protestieren: Es fehlen Joyce und Robert Walser, Proust und Max Frisch. Und weiterhin sind die Frauen untervertreten. In der Kunst gibt es Landkarten, die unsere eingefahrenen Perspektiven infrage stellen. Der uruguayische Künstler Joaquín Torres García etwa dreht Südamerika auf den Kopf. Der Kontinent erhebt sich dann wie ein Gebirgsmassiv, nach Norden zugespitzt. Oder die Meere werden als Landmasse koloriert. Mit einem Bauchklatscher wird einem bewusst, wie ausgedehnt die Ozeane unseres Planeten sind.

Solche gewitzten Neuzeichnungen zeigen auf, dass Karten auf willkürlichen Übereinkünften basieren wie Kanons auch. Wie würde sich unsere Wahrnehmung verändern, wenn nicht Europa im Zentrum der Weltkarte stünde, sondern Asien? Noch im Mittelalter lag der kartografische Süden auf manchen islamischen Karten oben, der Norden unten, bis es zu einer Festlegung im Sinne der machtpolitischen Gewichtung kam. Wir haben die eingeschriebenen visuellen Codes der Karten verinnerlicht. Selbst Menschen, die noch nie etwas von Gerhard Mercator gehört haben, tragen seine Darstellung der Welt im Kopf.

Werturteil oder Vorurteil?

Die Erweiterung des Kanons, so ein gängiger Einwand, bedeute die Verwässerung des Kanons, die Aufgabe von Qualitätsstandards. Dieser Verdacht verwechselt Qualität mit Privileg. Seit den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts wird um eine Öffnung des westlichen Kanons gestritten. Seitdem dreht sich der Streit um die Frage, ob die ignorierten Werke bisher wegen mangelnder Qualität oder wegen verschanzter Privilegien ausgeschlossen wurden.
Die Hüter der Tradition behaupten, der Kanon sei durch einen objektiven, diskursiven Prozess entstanden. Mit anderen Worten: auf meritokratische Weise. Aber die Leistungsgesellschaft ist, das wissen wir Zyniker des real existierenden Kapitalismus, eine seiner grössten Mythen. Qualität, behaupten die Hohepriester der herrschenden Meinung, wohne dem Werk inne, offenbare sich von selbst und die Türen verschlössen sich aufgrund hoher Ansprüche und nicht tiefsitzender Vorurteile.

Bemerkenswert am Kanon ist seine Langlebigkeit. Der Literaturwissenschafter Lothar Bluhm konstatiert, dass er «in seinen bildungsbürgerlichen und nationalkulturellen Paradigmen bis heute im Kern unverändert geblieben» sei. Aus einem bestehenden Kanon ausgeschlossen zu werden, ist fast noch schwieriger, als darin Aufnahme zu finden.

Neulich war ich eingeladen, im Wiener Museum für angewandte Kunst über Gesellschaftsdesign zu diskutieren. Eine der Aufgaben bestand darin, dem Kanon von 60 Büchern (das Lesepensum, das man Studenten für die Dauer ihres Studiums heutzutage zumuten könne) einen Titel hinzufügen, auf Kosten allerdings eines der schon etablierten Bücher, die auf 60 Pulten auslagen. Ich war überrascht, wie schwer es mir fiel, einen Titel auszuschliessen und damit zu verstossen. Wer schon drinnen ist, geniesst – jenseits aller Rationalität – ein Vorrecht.

Egal, wie verdient oder unverdient. Als Klassiker gilt in England ein Mann namens Anthony Trollope, dessen Romane in etwa so aufregend sind wie das Betrachten von trocknender Farbe an der Wand. Vor Jahrzehnten erblickte ich im Bücherregel eines Briten die Gesamtausgabe von «Chronicles of Barsetshire». «But isn’t he boring?», fragte ich naiv und erhielt zur Antwort: «Of course he is boring, but that’s the way we like it.» Besser ist die Position der Kulturmumifizierer selten auf den Punkt gebracht worden.

Peinliche Abstinenz

Aber, wenden Abendlandisten ein, wir müssen doch zuerst unsere westliche Tradition kennenlernen, bevor wir in die Ferne schweifen. Werfen wir also einen Blick auf die Ursprünge des Eigenen. In allen Listen wird Boccaccios «Decamerone» genannt. Laut Nachschlagewerken der Begründer der europäischen Prosa. Aber hatte er keine Vorgänger? Wer z. B. das «Panchatantra» und die «Geschichten aus Tausendundeiner Nacht» gelesen hat, der weiss von der uralten Erzählform der Rahmenhandlung, bei der eine Geschichte in die andere eingebettet ist.

Denn die «orientalischen» Erzähler waren keineswegs naive Märchenonkel, sondern Meister der raffiniert konstruierten Spannung und Psychologie. Darüber hinaus sind mehrere Dutzend von Boccaccios 101 Geschichten Nacherzählungen von östlichen Vorläufern, aus so unterschiedlichen Werken wie der «Hitopadesha» oder Kalidasas Drama «Sakuntala» (von Goethe und Schiller hochgeschätzt).

Was wir bisher an Weltliteratur wahrgenommen haben, ist nicht frönen, sondern fasten. So wie die Jain in Indien nichts essen, was unter der Erde wächst, nehmen unsere literarischen Leitwölfe kaum etwas wahr, was südlich des Wendekreises des Krebses und östlich des Kaukasus gedeiht. Ich kenne promovierte Philosophen, die noch nie einen chinesischen oder indischen Text gelesen haben.

Wer meint, es gehe hier um politische Korrektheit bei der Repräsentation, übersieht, wie gefährlich Ignoranz in einer globalisierten Welt ist. Wie oft liest man hierzulande, Indien sei ein Land der Magie, der Eremiten und der heiligen Kühe? Dabei existieren auf Sanskrit mehr agnostische und atheistische Texte als in jeder anderen klassischen Sprache.
Doch obwohl wir erst am Anfang einer universellen Bildung stehen, gibt es in letzter Zeit heftige Gegenreaktionen. Stellvertretend für viele sei René Scheu in der NZZ vom 4. Mai 2017 zitiert: «Der Kosmopolitismus, den gut ausgebildete und verdienende Oberklasse-Expats pflegen, soll zur neuen Grundbefindlichkeit auch aller anderen werden. So werden alle Wir/sie-Unterscheidungen überwunden und erlauben ein friedliches Leben bis ans Ende aller Tage.»
Wer trunken ist von der Bedeutung des Eigenen, der schlittert leicht in die Provinzialität.
Kosmopolitismus gab es avant la lettre immer wieder in der Weltgeschichte, und zwar vor allem in jenen Hafenstädten, in denen grossartige Kultur entstand. Zudem lebten viele kaum ausgebildete und fast nichts verdienende Menschen in Afrika und Indien in multikulturellen, mehrsprachigen und religiös dynamischen Räumen. Homogene Zonen sind eine Einrichtung der Moderne. Kosmopolitische Arbeit an gemeinsamen Narrativen, an Übersetzung, Vermittlung und Verständnis ist nötiger denn je.

Blindstellen in der Schweiz

Manch einer, der sich ins Eigene einigeln will, scheint der irrigen Ansicht zu sein, unsere Entwicklung sei abgeschlossen und wir seien das Beste, was rauszuholen war. Die grösste Stärke Europas war ihre punktuelle Offenheit und Neugier, die kulturelle Souveränität, Fremde zu erfahren und gelegentlich ins eigene Boot zu holen. So wie Goethe, so wie Melville, so wie T. S. Eliot, der die Bhagavadgita in «The Waste Land» eingeflochten hat, weil es, so Eliot, «nach meiner Auffassung neben der ‹Göttlichen Komödie› das grösste philosophische Poem ist».
Wer trunken ist von der Bedeutung des Eigenen, der schlittert leicht in die Provinzialität. Wir müssen also keineswegs für eine deutsche (oder schweizerische oder europäische) Kultur sorgen, sondern für ein kultiviertes Deutschland.

Die Blindstellen gegenüber dem Anderen funktionieren im Weltmassstab genauso wie im Regionalen. In der Schweiz, so berichten Kollegen, werde man in einer der anderen Sprachregionen eher wahrgenommen, wenn das Werk in Berlin oder Paris gefeiert worden ist. Es gibt zwar Übersetzungen (in den letzten fünf Jahren 146 aus dem Deutschen ins Französische, umgekehrt 73, und 82 aus dem Deutschen ins Italienische, umgekehrt 12), aber selten werden Autoren aus der Romandie oder dem Tessin im deutschsprachigen Raum kanonisiert. Wer möchte bezweifeln, dass eine Umfrage nach «unseren grössten Dichtern» zwischen St. Gallen und Basel fast ausschliesslich auf Deutsch schreibende Schriftsteller krönen würde? Oder würde die Liste tatsächlich auch Maurice Chappaz und C. F. Ramuz, Giovanni Orelli und Leo Tuor enthalten?

Am Ende geht es wohl um die Frage, wieso wir lesen: Ich lese, um überrascht zu werden, um konfrontiert zu werden, um herausgefordert zu werden, um geschockt zu werden. Ich lese lieber meine Feinde als meine Freunde. Lieber verstehe ich nichts als alles. Statt bestimmte Farben der Palette und Töne der Skala zu ignorieren, sollten wir die existierende Vielfalt wahrnehmen. Wenn Sie in einer Buchhandlung spontan denken: «Davon habe ich noch nie was gehört» – greifen Sie zu!

Ist es nicht erstaunlich, dass die mitteleuropäischen Bergsteiger alle Gipfel des Himalaja zu erklimmen suchen, die europäischen Intellektuellen es sich hingegen auf dem Montblanc gemütlich gemacht haben und auf alle anderen Gebirge hinabblicken?

Der Schriftsteller Ilija Trojanow, geboren 1965 in Sofia, lebt in Wien. Gerade ist im S.-Fischer-Verlag sein Buch «Nach der Flucht» erschienen. Beim vorliegenden Text handelt es sich um die leicht gekürzte Eröffnungsrede bei den diesjährigen Solothurner Literaturtagen.

Copyright: Der Artikel ist im Original bei der Neuen Zürcher Zeitung online zu lesen

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