Die Bibliothek DOKK1 – ein Erfahrungsbericht aus Aarhus

Literarisch, beeindruckend und „hygge“

Ich hätte die neue Straßenbahnstation oder das Parkhaus für Autos und 450 Fahrräder nutzen können. Doch ich laufe vom Hotel durch die Fussgängerzone zum „DOKK1“, dem neuen Bibliotheksbau der Stadt Aarhus. Der moderne, vieleckige Glasbau fällt sofort auf.

Das mehrstöckige futuristische Haus in der Hafen-City von Aarhus wird ringsum von breiten Treppen erschlossen. Es erhielt bewusst keine bestimmte Ausrichtung. Ich gehe die Stufen hinauf und umrunde erst einmal das Gebäude. Eine umlaufende, grosszügige Fläche lädt mich zum Pausieren, Sitzen und Dasein ein. Ich höre die Möwen, rieche das Meer und spüre den Wind. Hier am Hafen entsteht das moderne Aarhus mit einprägsamer Architektur direkt am Wasser.

DOKK1

Als ich dann die Bibliothek betrete, ahne ich noch nicht, dass ich für mehrere Stunden in eine für mich inspirierende Bücherwelt abtauchen werde. Statt Bücherregalen empfangen mich in einem riesigen Foyer diverse Informationsschalter und übergrosse Medienbildschirme. Es geht hier nicht nur um das Entleihen von Büchern, sondern hier trifft man sich und verabredet sich. „Borgerservice“ steht auf grossen Schildern. Sie verweisen auf die Möglichkeit, hier „Bürgerservices“ wie Passerneuerungen oder Wohnanmeldungen in Anspruch zu nehmen.

Es gibt ein „Reparatur-Café“ und „Maker Spaces“, in denen gewerkelt werden kann. Nähmaschinen können hier vor Ort genutzt werden, genauso wie 3D-Drucker und Tonstudios. Das Gesundheitsamt führt eigene Workshops durch. Theater und Dokumentarfilme werden beworben und im Kinosaal gezeigt. Leihen die Menschen, die diese Angebote nutzen, auch Bücher aus? Vielleicht nicht, aber sie sind in Kontakt mit anderen, mit einer Passion, das spüre ich. Ich bestaune eine Gruppe strickender Menschen, bunt gewürfelt in Alter und Erscheinung, welche im Kreis sitzend ihrem Hobby nachgehen.

Treffpunkt

Hemmschwelle senken

Es wundert also bei diesem offenen Ansatz nicht, dass immer mehr Menschen in die Bibliotheken kommen, auch wenn gleichzeitig die Ausleihzahlen bei gedruckten Büchern in Dänemark seit einigen Jahren sinken (wie an so vielen Orten). Vielleicht steht nicht immer das Lesen im Zentrum, aber man ist nah dran am Buch, und die erste Hürde – überhaupt in eine Bibliothek zu gehen – ist schon genommen.

Laut und lebendig ist es hier, es wird gelacht, geredet und diskutiert. Die Hälfte der 18.000 Quadratmeter Bibliotheksfläche ist unverplanter Raum; Gruppen können kostenlos abgetrennte Bereiche in diversen Grössen mieten. Die Bibliothek ist auf zwei weitläufigen Etagen untergebracht. Durch die Mitte des Gebäudes führt eine grosse Rampe hinauf zu Panoramafenstern mit Hafenblick. Einladende Sitzecken finden sich überall, selbst die Rampe ist ein Ort zum Verweilen: Ich beobachte von hier aus bestimmt eine Stunde lang das Treiben um mich herum. Es ist „hygge“, also gemütlich entspannt, wie die Dänen sagen. Als ihn die Architekten fragten, welche Bücher auf der Rampe aufgestellt werden sollten, antwortete der „DOKK1″- Leiter Knud Schulz: „Gar keine.“

Wo sind die Bücher?

Während der Recherchen lese ich, dass ein Buch, das in den letzten zwei Jahren nicht ausgeliehen wurde, in Dänemarks Bibliotheken aus dem Regal genommen und ausgesondert wird. Offiziell meint Manager Schulz, man wolle kein „Museum“ sein und möchte den Platz gut für Familienaktivitäten nutzen. Per Fernleihe ist jedoch jedes Buch verfügbar, viele sind digitalisiert. Doch so „Bücher-leer“, wie viele Medienberichte es glauben machen wollten, ist die Bibliothek nicht – es gibt jede Menge Bücher! Ich finde mehr als zehn Laufmeter deutsche Titel; über zehn Fremdsprachen sind hier vielseitig vertreten und prominent platziert. Integration und Interkulturalität wird auch über ein breites Angebot von fremdsprachiger Literatur gefördert! Ich als Buchliebende bin im Bann des Gebäudes: An der riesigen Fensterfront in der oberen Etage könnte ich stundenlang sitzen und abwechselnd den Blick in die Ferne schweifen lassen oder mich in ein Buch vertiefen.DOKK1 1. Etage

Mehrere Räume sind durch Schleusen zugänglich: Hinter diesen Türen aus Glas herrscht Stille. Ich sehe viele Studenten und junge Menschen dort vergraben in Bücherstapeln, vor ihrem Laptops, hochkonzentriert. Gerade lernende Menschen suchen oft einen inspirierenden Ort der Ruhe und der Motivation – ein Bild, das ich leider in Bibliotheken im deutschsprachigen Raum oft vermisse, ausser in Uni-Bibliotheken. Dabei waren die vielen Ideen in den Büchern meine grösste Motivation im Studium!

Im oberen Stockwerk gibt es einen Familienbereich, in dem Kinder sich mit diversen Kostüme verkleiden können, verstecken spielen oder an auch digitalen Geräten sitzen. Eine Vorleseecke wird lebendig genutzt. Lernen und spielen schliessen sich nicht aus.

In diesem Bereich hängt Gong von der Decke. Er ist riesig, aber dennoch habe ich ihn fast übersehen. Der Gong ertönt, wenn im Kreisssaal der Stadt ein Kind geboren wird.

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flexibel, kommunikativ und zwischenmenschlich

Und ja: Ich sehe Bücherregale, aber sie stehen nicht immer im Zentrum. Ich sehe Menschen, die lesend am Fenster immer wieder auch Aussicht und Weite geniessen. Das traditionelle Bild von Bibliothekaren erneuert sich hier. Sie sind nun vor allem Dienstleister: flexibel, kommunikativ und zwischenmenschlich engagiert. Dass Leseleidenschaft dabei keine Berufsvoraussetzung mehr wäre, wie manche Zeitungen bei der Eröffnung der Bibliothek schrieben, kann ich nicht bestätigen.

Ich sehe während meines mehrstündigen Aufenthalts und während meiner Spaziergänge durchs Haus viele Bibiotheksmitarbeitende mit auffälligem Namensschild, die in diversen Sprachen Fragen beantworten, Bücher empfehlen, aufräumen und Suchenden den Weg zum richtigen Ort des gesuchten Titels zeigen. Hier treffen sich Touristen und Einheimische – jeden Alters.

Austausch und Begegnung

Zugang auch ausserhalb der Öffnungszeiten

Mein Herz schlägt schneller, als um 18 Uhr die Durchsage (in diversen Sprachen!) kommt, dass in 30 Minuten die Information schliessen werde. Jedoch könne man in der Bibliothek verweilen – sie sei täglich von 8 bis 22 Uhr für alle geöffnet.

„Eine Bibliothek muss sich in erster Linie mit den Menschen beschäftigen, nicht mit Büchern“, sagte Schulz. Das „DOKK1“ ist sein Lebensprojekt; inzwischen ist er weltweit als Berater unterwegs. Es gehe nicht um den Zugang zu Wissen, sondern um den Zugang zu einer Gemeinschaft und um Austausch. Die Bibliothek muss heute mehr bieten als Wissen, das man auch mit jedem Mobilgerät innerhalb von Sekunden finden kann. Ich bin ganz dafür!

Waren Sie schon im DOKK1? Möchten Sie hinfahren? Warum?
Schreiben Sie mir in den Kommentaren!

Ein Gedanke zu „Die Bibliothek DOKK1 – ein Erfahrungsbericht aus Aarhus

  1. Claire-Lise sagt:

    Liebe Lydia,
    Mit grossem Interesse habe deinen Blog-Beitrag über die dänische Bibliothek DOKK1 gelesen. Dieses Konzept von Bibliothek ist im Moment sehr viel diskutiert. Das ‚Rolex Learning Center‘ in Lausanne wird auch immer wieder als Beispiel für etwas Neues präsentiert. Die Architektur ist dort auch ganz besonders.
    https://en.wikipedia.org/wiki/Rolex_Learning_Center

    Eine andere verrückte Bibliothek, die ich letztes Jahr besucht hatte, ist die Bibliothek der Fondation Michalski:
    http://www.fondation-janmichalski.com/de/bibliotheque/

    Liebe Grüsse, Claire-Lise

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