DOKK1 - Aarhus

Bibliotheken heute: Bildungsinstitutionen oder Veranstaltungsräume?

Aarhus, die Kulturhauptstadt Europas 2017, eröffnete vor zwei Jahren einen neuen Bibliotheksbau. Heute ist die Bibliothek „DOKK1“ ein Aushängeschild der Stadt. Der originelle Bau hat über die Landesgrenzen hinaus eine Diskussion angestossen: Wie lautet das Rezept für eine Stadtbücherei im digitalen Zeitalter?

Die Bibliothek als Ort der Informationsbeschaffung und des Bildungsgewinns ist längst, wenn nicht ersetzt, so doch ergänzt durch die allzeit verfügbare Schwarmintelligenz des Internets (Wikipedia oder Giganten wie Google). Die Zahl der ausgeliehenen Bücher sinkt weltweit. Budgets werden gekürzt, Öffnungszeiten reduziert und Stellen gestrichen oder nicht neu besetzt. Auch in der Schweiz ist dieser Trend zu beobachten.

Viele – nicht nur junge – Menschen bilden sich heute durch elektronische Lektüre. Bibliotheken versuchen, der Zukunft zu entsprechen, indem sie immer mehr digitale Medien verleihen. Sie kooperieren mit lokalen Vereinen und machen über soziale Netzwerke auf sich aufmerksam. Doch wie sinnvoll ist es, sich auf das digitale Angebot zu konzentrieren, wenn Spotify, i-Tunes und Amazon Prime ja schon jetzt ein unendliches Sortiment ohne Mahngebühren und Öffnungszeiten zum Verleih anbieten?

Ein Blick nach Dänemark lohnt sich

Seit 1924 hat Dänemark ein nationales Bibliotheksgesetz. 1964 wurde ein Passus eingefügt, der jeder Kommune die Unterhaltung einer öffentlichen Bibliothek vorschreibt. 2000 wurde es überarbeitet. Der Weg in die Digitalisierung und hin zu inhaltlichen Weiterentwicklungen wurde geebnet. Bibliotheken werden von breiten Bevölkerungsschichten genutzt und verfügen über einen starken Rückhalt in der Gesellschaft.

In Klitmøller, einem Fischer- und Surfer-Dorf, in dem ich regelmässig an kulturellen Projekten arbeite, kommt einmal wöchentlich, am Donnerstagnachmittag, der BuchBus vorbei. Das scheint altmodisch. Doch er wird rege genutzt.

Bogbussen

Buecherei auf Raedern

Seit mehr als zehn Jahren öffnen zudem viele Bibliotheken mit festem Standort ausserhalb der Arbeitszeit ihrer Mitarbeiter. Open Library heisst das moderne dänische Konzept, dass sich aktuell auch im deutschsprachigen Raum mehr und mehr etabliert. Mit einem Nutzerausweis öffnet der Besucher an einem Einlesegerät die Tür. Inzwischen bieten über 100 Bibliotheken diesen Service in Dänemark rund um die Uhr an.

„Es geht darum, Wissen zu teilen“, erklärt Jens Lauridsen, Leiter der Stadtteilbibliothek in Tårnby, einem Vorort von Kopenhagen. „Wir bringen die Menschen dafür zusammen und helfen, wo es nötig ist.“ Und das auch am Sonntag.

In Deutschland und in der Schweiz ist es noch eine Seltenheit. Basel und Liestal gehen hier mit einem gutem Beispiel voran. In Dänemark ist es schon lange selbstverständlich: Die Bibliotheken sind offen, wenn die Menschen Zeit haben – und das ist eben vor allem am Wochenende.

Alte und neue Bibliothekskonzepte werden in Dänemark gelebt – je nachdem, was für die Region und für die jeweilige Bevölkerung vor Ort am sinnvollsten ist.

Es ist auch ein Land, das sich mit neugebauten und modernen Bibliothekskathedralen schmückt: In Dänemark entstand nach dem „schwarzen Diamant“, der königlichen Bibliothek in Kopenhagen, der zweite prestigeträchtige Bibliotheksneubau, das „DOKK1“ in Aarhus.

Bibliothekskonzept für die Zukunft

Bei der Konzeption solcher bibliophilen Neubauten stellt sich die Frage, welches Bibliothekskonzept sich in der Zukunft bewährt? Aarhus hatte sich bei der Planung Zeit gelassen, um die richtige Antwort zu finden: Ein Begegnungsort sollte es sein, nicht still und leise, sondern Heimat für Veranstaltungen wie Lesungen, für Gruppenarbeit, sogar für Gewerbe. Es soll ein multikultureller Treffpunkt und ein Bürgerzentrum sein – ein „urbaner Medienraum“ für alle Altersgruppen, Interessen und Kulturen. Offenbar mit Erfolg: Nur vier Monate nach der Eröffnung feierte man im Oktober 2015 bereits den 500.000. Besucher.

Die FAZ fragt sich, ob „mit der radikalen Umwandlung der Bibliothek von einer Bildungsinstitution hin zu einem flexiblen Kultur- und Veranstaltungsort, an dem viel Kommunikation und wenig Kontemplation stattfindet, wirklich ein vielversprechender Weg eingeschlagen wurde oder ob hier am Ende nicht einfach das Etikett ‚Bibliothek’ auf ein anderes Produkt (Volkshochschule oder Kulturverein) geklebt wird und sich die Bibliothek als eigenständige Institution so selbst abschafft.“ Die Verwandlung öffentlicher Büchereien in offene Kommunikationsräume und Begegnungsstätten ist umstritten – auch in Dänemark.

Stellung beziehen

Die aktuellen Herausforderungen der Bibliotheken in ganz Europa sind nicht einfach zu lösen. Aber spätestens der Bibliotheksbau in Aarhus hat einen Anstoss zum Nachdenken gegeben. Die internationale Presse hat seither eine Diskussion angeregt, und jede Bibliothek im In- und Ausland muss für sich selbst (zumindest intern) Stellung beziehen. Die Entscheider sehen sich gezwungen, kreativer mit der Frage umzugehen, was eine Bibliothek in der Zukunft leisten soll. Das ist eine grosse Leistung!

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